Die spanische Grippe – ein Lehrstück für Pandemien

Dieser kurze Aufsatz über die spanische Grippe entstand vom 20. bis 22. März 2020 im Homeschooling und war eine Zusatzaufgabe im Portfolio für unsere Fachschule. Zu dieser Zeit waren auch alle Bibliotheken geschlossen, so dass ich nur auf Publikationen im Internet zugreifen konnte. Dies als Vorbemerkung zu den Rahmenbedingungen dieser Arbeit und dem damaligen Wissensstand.

Gliederung:

1. Einleitung

2. Verlauf

3. Ursachen

4. Zeitliche und regionale Eingrenzung

5. Fallzahlen

6. Gegenmaßnahmen und Folgen für die Bevölkerung

7. Ausblick: Grippe-Pandemien 1957 und 1968

Verwendete Literatur

1. Einleitung

Vor über 100 Jahren, zwischen Frühjahr 1918 bis ins Jahr 1920 hinein, brach die so genannte spanische Grippe als Pandemie aus und kostete bis zu 50 Millionen Menschen weltweit das Leben. Allein im Deutschen Reich starben rund 426.000 Menschen. Dabei hatte die erste Welle relativ harmlos im Frühjahr 1918 begonnen und wenige Menschenleben gekostet. Erst die Herbstwelle 1918 und die spätere, dritte Welle im Frühjahr 1919 waren mit einer außergewöhnlich hohen Letalität verbunden.Die zweite Welle im Herbst 1918 nahm gerade dort einen tödlichen Ausgang, wo viele Menschen in Ballungsgebieten aufeinander trafen. Und dies waren in Europa Rekruten und Kriegsgefangenenlager durch den I. Weltkrieg. Dort steckten sich viele Menschen an und starben an akutem Lungenversagen. Das Influenzavirus, das erst im Jahr 1933 entdeckt werden sollte, färbte die Haut der Sterbenden oft dunkelblau – Zeichen einer Unterversorgung mit Sauerstoff. [3] Als Pandemie kann die spanische Grippe bezeichnet werden, da sie kontinentübergreifend weder zeitlich noch örtlich abgrenzbar war.

  1. Verlauf
    Die globale Welt von 1918 war schon wesentlich stärker vernetzt und die Bevölkerung war mobil durch internationale Waren- und Migrationsströme. Schiffe, Züge, Automobile und letztlich regional die Straßenbahnen trugen zur exponentiellen Verbreitung des Grippe-Virus bei. Kein Teil der Erde blieb von dieser Pandemie verschont: in Indien wurden sechs Prozent der Gesamtbevölkerung ausradiert (18,6 Millionen Menschen), in China starben 9,5 Millionen Menschen, zwei Prozent der Staatsbevölkerung.
    Auslöser des Virus InfluenzaA H1N1 war die Militärbasis Fort Riley im US Bundesstaat Kansas. Von Schweinen oder Geflügel aus sprang es auf einen amerikanischen Rekruten über, der die heute als Influenza-A-Virus H1N1 bezeichnete Seuche als Patient Null in ein Ausbildungslager der US-Armee schleppte (Camp Funston). Von dort aus gelangten die Viren über Truppentransporte nach Frankreich und in die übrige Welt. An der Westfront schließlich infizierten sich deutsche Soldaten, über die das Virus in das Deutsche Reich gelangte. Der Landarzt Loring Miner musste bereits Anfang 1918 zahlreiche Patienten im Fort behandeln, deren Symptome einen sehr heftigen Krankheitsverlauf nahmen – dies wurde schließlich im Public Health Report im Frühjahr 1918 veröffentlicht. Rasant verbreitete sich der Virus – heute würde man die Verbreitung exponentiell nennen: „Am 4. März erkrankte ein Koch namens Albert Gitchell an der Grippe, drei Wochen später waren in dem Ausbildungslager, in dem sich durchschnittlich 56.000 Rekruten befanden, 1100 Schwerkranke und 38 Todesfälle zu beklagen.“ [4]
    In den Militärlagern, in denen Rekruten auf den Einsatz im I. Weltkrieg vorbereitet wurden, hatte das Virus die idealen Bedingungen für seine rasante Verbreitung: Zehntausende Menschen auf engem Raum, schlechte Hygiene und viele vom militärischen Drill erschöpfte Männer. Trotz der Veröffentlichung im Public Health Report im Frühjahr 1918 aufgrund des Auftretens in den Militärcamps war es bereits zu spät, die Infektionen einzudämmen: Bereits Ende März wurden aus der französischen Bretagne weitere Infektionen gemeldet, denn dort landeten Woche für Woche Zehntausende US-Soldaten für den Kriegseinsatz. Auch der Kriegsverlauf trug zur weiteren rasanten Ausbreitung und Vermehrung des Influenza-Viruses bei. Gerade im Frühjahr 1918 konnten die deutschen Truppen an der Westfront große Geländegewinne verzeichnen, was mit der Kriegsgefangenschaft von Franzosen, Briten und Amerikanern einherging: Und in diesen Gefangenenlagern verbreitete sich das Virus ungehemmt – auch auf deutsche Soldaten, die sich bald zu Hunderttausenden krankmeldeten und so das Influenza-Virus in die deutschen Städte brachten. Von Medizinern wurden erschreckende Zahlen der Mortalität beschrieben und aus den Lazaretten griffen die Infektionen auf das zivile Leben über. Eingeschränkt wurde das öffentliche Leben: Der Straßenbahnverkehr wurde eingeschränkt, Industriebetriebe verloren bis zu einem Drittel ihrer Belegschaft durch Krankheit. München, Berlin, Leipzig, Breslau – aus vielen Städten wurden Tausende Grippefälle gemeldet.

3. Ursachen

Ein Team um Michael Worobey von der University of Arizona hat erforscht, wie der Erreger entstand und das Ergebnis 2014 publiziert: Vermutlich entwickelte er sich kurz vor dem Ausbruch 1918 durch die Kreuzung eines Vogelgrippevirus mit einem menschlichen Virus, das bereits seit rund 10 bis 15 Jahren kursierte. Ursachen für den Erreger wurden erst im Jahre 2005 gefunden, als Wissenschaftler den Subtyp von H1 N1 rekonstruieren konnten. Vor allem konnte geklärt werden, warum es gerade Männer von 20 bis 40 Jahren in den Jahren 1918 bis 1920 dahinraffte, die doch gegenüber Kranken, alten Menschen und Kindern über ein widerstandsfähiges Immunsystem verfügten. In der ersten Welle dieser Pandemie konnte der Influenzavirus die Immunantwort der akut Infizierten unterdrücken. In der zweiten Welle passierte folgendes: Als die intakten Immunsysteme in einer nun zum Teil immunisierten Bevölkerung zum Gegenschlag ausholten, um den Influenzavirus abzuwehren, geriet diese Reaktion so heftig, dass das Atemsystem angegriffen wurde, was einer bakteriellen Lungenentzündung Vorschub leistete – und die nun immunschwachen Körper besiedelte. Die Infizierten starben qualvoll an Atemnot und erstickten – viele hatten eine bläulich-schwarze Haut aufgrund des Sauerstoffmangels. „Dies wird in der Forschung oft auf eine als „Zykotin-Sturm“ bezeichnete Überreaktion des Immunsystems zurückgeführt. Die potenten Immunsysteme der jüngeren Alterskohorten hätten beim Versuch, das eindringende Virus zu neutralisieren auch gesunde Körperzellen attackiert – deren Abfallmaterial habe die Lungenarterien verstopft, woran die Patienten dann erstickt seien, schreibt etwa der Medizinhistoriker John M. Barry in seinem Werk „The Great Influenza“ von 2004.“ [5]

4. Zeitliche und regionale Eingrenzung

Der Begriff der „spanischen Grippe“ hat sich durch zwei Aspekte beim Verlauf der Pandemie manifestiert. Zum einen gab es wahrscheinlich einen Fall einer Erstmeldung aus dem Februar 1918 aus dem Badeort San Sebastian (Nordküste Spaniens). Gesichert überliefert ist allerdings die im Kapitel Verlauf geschilderte Verbreitung des Virus in den USA im Bundesstaat Kansas. Von dort ausgehend verbreitete sich das Virus innerhalb weniger Wochen durch den Kriegseinsatz in Europa und weltweit. Die Ansteckungswelle wurde zudem noch befördert durch die militärischen Zensurbehörden, die versuchten, diese Krankheit geheim zu halten. Das ist außerdem der zweite Grund dafür, dass die Pandemie weiterhin unter dem Namen der „spanischen Grippe“ firmiert. Spanische Medien, die nicht unter die rigiden Zensurbestimmungen fielen wie die kriegsführenden Mächte im Deutschen Reich, in den USA in Großbritannien und Frankreich, berichteten als erste über die seltsame und rasant verlaufende Infektionskrankheit.

Abgelaufen ist diese Pandemie in drei Wellen: die erste begann Anfang 1918, die zweite im Herbst 1918 (mit sehr vielen Todesopfern) und eine dritte 1920.

5. Fallzahlen

Medizinhistoriker schätzen die Gesamtopferzahl weltweit auf 25 bis 50 Millionen Menschen – bei damals 1,8 Milliarden Menschen. Die Mortalitätsrate liegt so bei 1,5 bis 2 Prozent und beträgt somit das 25 fache einer Grippewelle. In Europa werden die Grippetoten auf 2,3 Millionen geschätzt, in Indien wurden sechs Prozent der Gesamtbevölkerung getötet (18,6 Millionen Menschen), in China starben 9,5 Millionen Menschen, zwei Prozent der Staatsbevölkerung. „Manche Historiker gehen sogar von mehr als 100 Millionen Toten aus – besonders für die hart betroffenen Teile Afrikas, Asiens und Ozeaniens gibt es kaum valide Statistiken. Die Letalitätsrate lag je nach Versorgungssituation zwischen 0,7 und 6 Prozent, im polynesischen Samoa starb wegen des Fehlens jedweder Grippe-Immunität gar ein Fünftel der Bevölkerung.“ [5]

6. Gegenmaßnahmen und Folgen für die Bevölkerung

Vor allem in den USA wurden bei Ausbruch der Infektionskrankheit im Jahr 1918 Isolierungsmaßnahmen angeordnet: „Quarantäne für Haushalte mit Erkrankten, Schließungen von Schulen, Kirchen, Theatern und Tanzetablissements. Untersagt wurden private Beerdigungen und öffentliche Zusammenkünfte. 2007 veröffentlichte die Fachzeitschrift »Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America« (PNAS) eine Studie zum Zusammenhang dieser Maßnahmen mit der Intensität der Epidemie 1918. Die Autoren hatten bemerkt, dass der potenzielle Nutzen der »nicht pharmazeutischen Maßnahmen« zwar von mathematischen Modellen unterstützt wird, jedoch noch nicht systematisch untersucht war.“ [1]

Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass in jenen Städten, in denen frühzeitig das öffentliche Leben mit Isolationsmaßnahmen sanktioniert wurde, um die Hälfte niedrigere Spitzenwerte bei den Todesfällen aufwiesen als in den Städten, die dies später regulierten. So gibt es einen interessanten Vergleich zwischen den Städten Philadelphia, wo die Sanktionsmaßnahmen sehr spät umgesetzt wurden und St. Louis, wo rasch reagiert wurde. Die Todesfallzahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Während in St. Louis 31 Menschen pro 100.000 Einwohner starben, tötete der Virus in Philadelphia 257 Menschen pro Woche und pro 100.000 Einwohner.

Ein wichtiges Fazit ist: Eine wissenschaftliche Begleitung und Evaluation, eine strikte Dokumentation ist vor allem heute – angesichts des Corona-Virus – von entscheidender Bedeutung, vor allem dann, wenn Epidemien Regierungshandeln mit Sanktionen der bürgerlichen Grundrechte erforderlich machen.

Ausblick: Grippe-Pandemien 1957 und 1968
„Über die Erreger der Grippe-Pandemien von 1957 und 1968 weiß man heute, dass sie durch Rekombination entstanden: Ein Vogelgrippevirus und ein Grippevirus von Menschen infizierten die gleiche Zelle. Die entstandene Hybridform vereinte in ihrem Genom Teile beider Viren. Pandemien, die von einem solchen Subtyp ausgelöst werden, töten zwar viele Menschen, treffen aber schon auf eine gewisse bereits vorliegende Immunität.


1957: Die sogenannte »asiatische« Pandemie nahm in China ihren Anfang. Bei ihr blieb ein vorher entwickelter Impstoff ohne Wirkung, weil mit den häufigen Veränderungen der viralen Gene noch nicht gerechnet wurde. Sie war nach der Spanischen Grippe die zweitschlimmste Influenza-Pandemie des 20. Jahrhunderts mit weltweit ein bis zwei Millionen Opfern. In Deutschland starben daran rund 30 000 Menschen.


1968: Bei dieser Pandemie, wegen ihrer Herkunft Hongkong-Grippe genannt, entstand der heute dominante Influenzatyp H3N2, eine Kombination von Geflügelpestviren mit Influenzaviren, die bereits unter Menschen zirkulierten. Sie gilt als letzte große Grippe-Pandemie, an der bis 1970 weltweit insgesamt eine Million Menschen starben.“


https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134550.spanische-grippe-philadelphia-mahnt.html

Verwendete Literatur:

[1] Ulrike Hennig: Philadelphia mahnt. Was von der spanischen Grippe heute noch zu lernen ist. (21.03.2020) https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134550.spanische-grippe-philadelphia-mahnt.html

[2] Sven-Felix Kellerhof: „Die schwerste Seuche, die jemals über die Erde fegte.“ https://www.welt.de/geschichte/article205501205/Spanische-Grippe-Die-schwerste-Seuche-die-jemals-ueber-die-Erde-fegte.html

[3] Thorsten Maybaum mit dpa: Spanische Grippe: Ein Virus – Millionen Tote. (01/2018) https://www.aerzteblatt.de/archiv/197155/Spanische-Grippe-Ein-Virus-Millionen-Tote

[4] Hans Michael Kloth: Grippe-Katastrophe von 1918/19: „Nehmen Sie alle Tischler und lassen Sie Särge herstellen“. (27.04.2009) https://www.spiegel.de/geschichte/grippe-katastrophe-von-1918-19-a-948269.html

[5] Christoph David Piorkowski: Die Mutter der modernen Pandemien. (20.03.2020)https://www.tagesspiegel.de/wissen/coronavirus-und-spanische-grippe-im-vergleich-die-mutter-der-modernen-pandemien/25662134.html

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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