Annie Ernaux: Eine Frau

„Ich werde weiter über meine Mutter schreiben. Sie ist die einzige Frau, die mir ernsthaft etwas bedeutet hat, und sie war seit zwei Jahren dement. Vielleicht sollte ich warten, bis ihre Krankheit und ihr Tod Teil meiner Vergangenheit geworden sind, so wie andere Ereignisse auch, der Tod meines Vaters und die Trennung von meinem Mann, damit ich den Abstand gewinne, der die Analyse der Erinnerungen erleichtert. Doch im Moment kann ich ohnehin nichts anderes tun, als über sie zu schreiben. Es ist ein schwieriges Unterfangen. Für mich hat meine Mutter keine Geschichte. Sie war schon immer da. Mein erster Impuls beim Schreiben, sie in zeitlosen Bildern festhalten: »Sie war wütend«, »sie war eine Frau, die alles verbrannte«, einzelne Szenen, in denen sie vorkommt, ungeordnet aneinanderreihen. So finde ich aber nur die Frau aus meiner Vorstellung, dieselbe Frau, die ich seit ein paar Tagen in meinen Träumen sehe, wieder lebendig, unbestimmten Alters, in einer Atmosphäre der Spannung, wie in einem Horrorfilm. Ich möchte aber auch die Frau zu fassen bekommen, die außerhalb von mir existiert hat, die Frau, die am ländlichen Rand einer Kleinstadt in der Normandie geboren wurde und auf der geriatrischen Station eines Krankenhauses in einem Vorort von Paris gestorben ist. Was ich zu schreiben hoffe, um ihr gerecht zu werden, liegt vermutlich an der Nahtstelle von Familie und Gesellschaft, Mythos und Geschichte. Mein Vorhaben ist literarischer Art, denn es geht darum, nach einer Wahrheit über meine Mutter zu suchen, die nur durch Worte gefunden werden kann. (Was bedeutet, weder Fotos noch meine Erinnerungen noch die Erzählungen von Verwandten können mir diese Wahrheit liefern.) Gleichzeitig will ich sozusagen unterhalb dessen bleiben, was gemeinhin als Literatur gilt.

Das sind nun endlich ein paar Zeilen aus dem vor ein paar Wochen zum dritten Mal in deutscher Übersetzung erschienenen Roman von Annie Ernaux über ihre Mutter, nun unter dem deutschen Titel „Eine Frau“. Wie bei Hélène Cixous ist die deutsche Übersetzerin dieses Buchs zu würdigen: Sonja Finck übersetzte bereits „Die Jahre“ (2017).

Annie Ernaux‘ auch in Deutschland vielbeachtete Werke sind allesamt autobiografisch, sie schreibt über ihre bäuerliche Herkunft (der Großeltern und Mutter), die späteren proletarischen Verhältnisse der Arbeiter und schließlich das kleinbürgerliche Milieu authentisch, schnörkellos, gerade, ohne Scham, schlicht und nicht distanziert. „Wie viele Großfamilien war auch die meiner Mutter eine Sippe, das heißt, meine Großmutter und ihre Kinder hatten dieselbe Art, sich zu verhalten und als Arbeiter in einer ländlichen Kleinstadt zu leben, etwas, was sie als „die D…“ erkennbar machte. Sie schrien alle herum, Männer wie Frauen. Waren überschwänglich fröhlich, aber misstrauisch, gerieten schnell in Rage und „redeten nicht um den heißen Brei herum“. Vor allem waren sie stolz auf ihre Arbeitskraft.“

Ohne narzisstische Selbstspiegelung tritt in ihren Erzählungen das Ich (Ego) hinter das unbestimmte man und das plurale wir zurück. Was ihr mit dieser auch atmosphärisch dichten Erzählweise gelingt, ist ein über das autobiografische hinausgehende historiografische Beschreiben einer Epoche. Mit ihrer Trilogie über ihren Vater („Das bessere Leben“, 1986), ihre Mutter („Das Leben einer Frau“, 1989) und das Panorama ihres Lebens (in „Die Jahre“, 2008 – die deutsche Übersetzung erschien 2017).

Im Gegensatz möchte ich betonen – nun aus der Distanz der Jahre betrachtet – beispielsweise zu Didier Eribon, der nach dem Erfolg von „Rückkehr nach Reims“ gerade in Deutschland in der späteren Lesereise durch die Literatursalons alles widerrief, was bis dato gerade in Deutschland in sein Buch hineininterpretiert wurde. Auch in „Gesellschaft als Urteil“ über die Generation seiner Großeltern verharrte Eribon in der Perspektive der Selbst-Introspektion. Hier nennt Eribon Annie Ernaux sein literarisches Vorbild, doch im Gegensatz zu ihm schreibt sie nicht aus der selbstreflexiven, distanzierten und schamhaften Perspektive: „Meine Eltern waren Proletarier. Ich fühle mich schuldig, wenn ich schreibe, ich fühle mich schuldig, meine Eltern mit den Augen der Bourgeoisie zu beurteilen“, sagt die Ernaux. Noch heute trägt sie diesen Zwiespalt mit sich und fühlt sich auch nicht der Exklusivität des Pariser Großbürgertums zugehörig, obwohl dieses ihre Werke liest. So war es auch kein Zufall, dass Annie Ernaux eine der wenigen Intellektuellen neben dem Schriftsteller Edouard Louis war, die sich ohne Wenn und Aber mit den Gilet jaunes solidarisierte.

In schnörkellosen Skizzen beschreibt sie das Leben ihrer Großeltern auf dem Land und das Leben ihrer Mutter, die mit 12 Jahren Fabrikarbeiterin wurde – beseelt vom Wunsch, einmal einen Laden zu führen. In Lillebonne schließlich, einer Arbeiterstadt mit 7.000 Einwohnern mit vielen Webereien aus dem 19. Jahrhundert, eröffnet die Frau einen Lebensmittelladen, seit drei Jahren verheiratet mit einem Seilerei-Arbeiter, der ebenfalls bereits mit 12 Jahren als Knecht auf einem Hof gearbeitet hatte. „Für eine Frau war die Ehe eine Frage von Leben und Tod, die Hoffnung, es zu zweit leichter zu haben, oder der endgültige Absturz.“ Beide hatten den Willen zum Aufstieg, dennoch war bei ihm die Angst vor dem täglichen Kampf größer, während sie sich sehr bewusst war, dass sie nichts zu verlieren haben und dadurch ihre Lage verbessern können. Die Mutter führt ihren Laden mit großer Leidenschaft, stellt sich auf das industrielle Elend ein, „das dem Elend ähnelte, das sie kannte, nur noch härter, im Bewusstsein, dass sie ihren Lebensunterhalt Menschen verdankte, die selbst nicht genug zum Leben hatten.“

Ernaux beschreibt ihre Mutter als hübsche, lebenslustige Frau mit rotgefärbten Haaren, die oft herumschrie mit lauter dröhnender Stimme und mit kehligem Lachen. „Ich glaubte, dass ich wie sie sein würde, wenn ich groß bin“. Erinnerungssplitter reihen sich aneinander, welche die widersprüchliche Beziehung zu ihrer Mutter während des Heranwachsen beschreiben: „Sie hörte auf, mein Idol zu sein. Ich wurde empfänglich für das Frauenbild, das Zeitschriften wie L’Écho de la Mode vermittelten und dem die Mütter meiner kleinbürgerlichen Klassenkameradinnen auf dem Pensionat nahekamen: schlanke, zurückhaltende Frauen, die kochen konnten und ihre Töchter »Schätzchen« nannten. Ich fand, meine Mutter nahm zu viel Raum ein. Ich sah weg, wenn sie sich eine Flasche zum Entkorken zwischen die Beine klemmte. Ich schämte mich für ihren barschen Ton und ihr forsches Auftreten, umso mehr, als ich ahnte, wie ähnlich ich ihr war. Ich lebte meine jugendliche Rebellion auf romantische Weise aus, als würden meine Eltern dem Bürgertum angehören. Ich identifizierte mich mit unverstandenen Künstlern. Für meine Mutter hatte die Rebellion nur einen einzigen Zweck gehabt, der Armut entkommen, und nur eine einzige Form, arbeiten und Geld verdienen, damit man es genauso gut hatte wie andere. Daher der bittere Vorwurf, den ich nicht begriff, genauso wenig, wie sie mein Verhalten verstand: »Wenn wir dich mit zwölf in die Fabrik geschickt hätten, wärst du jetzt nicht so. Du weißt gar nicht, wie gut du es hast.« Und auch die wütende Bemerkung, die sie oft machte: »Da geht sie schon aufs Pensionat und taugt trotzdem nicht mehr als andere.« Manchmal stand ihr in Gestalt ihrer Tochter der Klassenfeind gegenüber.“

Annie Ernaux wird studieren können aufgrund des harten und arbeitsreichen Lebens ihrer Eltern. Während ihr Vater sich an seinem Platz (so auch der Titel des Buches über ihn) nicht verändern wird – als einfacher Arbeiter mit einfacher Sprache, ist ihre Mutter sehr bildungshungrig, die gerne liest und Bücher ehrfürchtig behandelt. „Versuch, deinen Haushalt gut zu führen, damit er dich nicht rauswirft“, war der Tip der Mutter, als Annie Ernaux heiratet: Einen Studierten aus bürgerlichem Haus mit einer Mutter mit schlankgebliebenem Körper, glattem Gesicht und gepflegten Händen. „Man merkt gleich, dass sie aus anderen Verhältnissen stammt als wir“, sagt die Mutter viele Jahre später.

Als der Vater 1967 nach kurzer viertägiger Krankheit stirbt, wird die Mutter noch drei Jahre Laden und Kneipe führen, beseelt vom Gedanken, mit ihrer Tochter zusammenleben zu können. „Es bedeutete, in einer Welt zu leben, die sie einerseits aufnahm, andererseits ausgrenzte. Eines Tages wütend: „Ich passe hier nicht ins Bild.“ … Es dauerte, bis ich begriff, dass meine Mutter in meinem Haus dasselbe Unbehagen empfand, das ich als Jugendliche in „besseren Kreisen“ empfunden hatte (als wäre es nur an den „Schwächeren“, an Unterschieden zu leiden, die die anderen für irrelevant halten). Und dass sie, indem sie so tat, als verstehe sie sich als Hausangestellte, die reale kulturelle Überlegenheit der Tochter und des Schwiegersohns, de Le Monde lasen und Bach hörten, instinktiv zu einer imaginierten wirtschaftlichen Überlegenheit umdeutete, der Überlegenheit eines Chefs über seine Arbeiter: eine Form der Rebellion.“

Sie lebte sich ein in diese bürgerliche Welt, las Le Monde und Le Nouvel Observateur, besuchte Kirchen, widmete sich hingebungsvoll den Enkeln und zog mit der Familie Mitte der 1970er in einen Vorort von Paris, in ein Einfamilienhaus in einem Neubaugebiet. Dort gefiel es ihr nicht „es war ein vager Ort, wo der Blick sich an nichts festhalten konnte und man den Eindruck hatte, ohne Gefühle und Gedanken im luftleeren Raum zu schweben.“ Nach sechs Monaten kehrte die Mutter nach Yvetot zurück, in ein kleines Appartment in der Nähe der Innenstadt. Es wird ihre letzte kleine Wohnung sein. Annie Ernaux ist mit ihrer Familie inzwischen in ein altes Dorf nahe des Neubaugebietes gezogen, wo sich ihre Mutter auf Besuch wohler fühlt: „Kaum war sie angekommen, jätete sie die Blumenbeete.“

Ein durch ein Auto verursachter Unfall veränderte sie, 73 Jährig. „Sie erlitt einen Beinbruch und eine Gehirnerschütterung. Sie war eine Woche bewusstlos. Der Chirurg im Krankenhaus war der Meinung, dass sie aufgrund ihrer robusten Konstitution durchkommen würde. Sie schlug um sich, wollte die Kanüle rausreißen, das Gipsbein anheben. … Ich blickte auf ihre nackten Schultern, ihren Körper, sah sie zum ersten Mal hilflos, leidend. Ich hatte den Eindruck, die junge Frau vor mir zu sehen, die mich in einer Kriegsnacht unter großen Schmerzen geboren hatte. Entsetzt wurde mir klar, dass sie sterben konnte.“

Körperlich erholte sie sich, doch im Wesen war sie seitdem verändert. „Sie verstand nicht mehr, was sie las. Sie wanderte von einem Zimmer ins nächste, ständig auf der Suche. Sie leerte ihren Schrank, breitete die Kleider und Erinnerungsstücke auf dem Bett aus, räumte sie woanders wieder ein, begann am nächsten Morgen von neuem, als ob es ihr nicht gelänge, die richtige Ordnung zu finden. An einem Samstagnachmittag im Januar verstaute sie die Hälfte ihrer Kleider in Plastiksäcken und nähte die Säcke oben mit Garn zu. Wenn sie gerade nichts umräumte, saß sie mit verschränkten Armen im Wohnzimmer und starrte ins Leere. Nichts konnte sie mehr glücklich machen.“
Als sich ihr Gesundheitszustand zusehends verschlimmert, wird sie in die Gastroenterologie eingewiesen – ihr Zustand verbessert sich innerhalb weniger Tage. Dann kommt sie in die Geriatrie, zu den Kurzzeitpatienten ins Erdgeschoss für genehmigte acht Wochen, danach kurzzeitig in ein privates Seniorenheim, das aber keine orientierungslosen Patienten aufnimmt. So geht es zurück in die Geriatrie in die 1. Etage, wo die Menschen bis zum Tod bleiben dürfen. „Nach wenigen Wochen verließ sie das Bedürfnis, auf sich zu achten. Sie sackte zusammen, ging gebeugt, mit gesenktem Kopf. Sie verlor die Brille, ihr Blick war trüb, das Gesicht nackt, leicht aufgedunsen von den Beruhigungsmitteln. Sie sah immer wilder aus. …
Menschen, die sie gekannt hatten, schrieben mir, „Das hat sie nicht verdient“, sie fanden, es wäre besser, wenn sie schnell „erlöst“ würde. Vielleicht wird eines Tages die ganze Gesellschaft dieser Meinung sein. Sie kamen nicht zu Besuch, für sie war meine Mutter längst tot. Aber sie wollte leben. Sie versuchte immer wieder aufzustehen, indem sie sich mit ihrem gesunden Bein hochstemmte, wollte den Stoffstreifen abreißen, der sie daran hinderte. Sie streckte die Hand nach allem in ihrer Reichweite aus. Sie hatte ständig Hunger, alle Energie konzentrierte sich auf ihren Mund. Sie liebte es, wenn man ihr einen Kuss auf die Wange gab, und spitzte die Lippen, um den Kuss zu erwidern … Ich wusch ihr die Hände, rasierte ihr die Wangen und das Kinn, trug ihr Parfüm auf. Eines Tages begann ich ihr das Haar zu bürsten und hörte dann wieder auf. Sie sagte, „ich mag es, wenn du mich frisierst.“ Von da an bürstete ich es ihr immer. …
Sie starb acht Tage vor Simone de Beauvoir.
Sie war allen gegenüber großzügig, sie gab lieber, als dass sie nahm. Ist Schreiben nicht auch eine Form des Gebens.

Dies ist keine Biografie und natürlich auch kein Roman, eher etwas zwischen Literatur, Soziologie und Geschichtsschreibung. Meine Mutter, die in ein beherrschtes Milieu hineingeboren worden war, das sie hinter sich lassen wollte, musste erst Geschichte werden, damit ich mich in der beherrschenden Welt der Wörter und Ideen, in die ich auf ihren Wunsch hin gewechselt bin, weniger allein und falsch fühle.“

Ernaux, Annie: Eine Frau.
Suhrkamp: 2019

Der Text entstand im November 2019

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

Ein Kommentar zu “Annie Ernaux: Eine Frau

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