Meine Homère ist tot…

klagt Hélène Cixous und Homère ist tatsächlich nicht etwa eine feminine Ableitung des Homer, sondern im Französischen ist Homère eine Frau.
„Homere ist eine Frau, meine Mutter ist mir Homere, Homere ist meine Mutter, Homere jene Frau, die Schreiben und Literatur auf und in die Welt bringt. Anders als die vertrauten Männernamen Homer oder Homere, ist der Signifikant Homere hier aber nicht nur einem Geschlecht zugeordnet. Homere ist nicht von ausschließlicher oder ausschließender Weiblichkeit. Da der Titel so ausdrücklich auffordert, mit den Ohren zu lesen, hören wir im Signifikanten Homere auch homme, den „Menschen“ oder „Mann“: Homere ist homme-mere, ein Mensch der Leben trägt, gibt, wahrt“, schreibt die Übersetzerin Claudia Simma in ihrem Nachwort zur deutschen Ausgabe, die erst vor wenigen Monaten in Wien erschien. Hélène Cixous war lange Wegbegleiterin von Jacques Derrida und Begründerin der feministischen Linguistik in Frankreich, wie Derrida wurde sie in Algerien geboren, nachdem ihre Familie als Juden vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste. Ihre Mutter Eve wurde in Osnabrück geboren. Die frühere Hebamme ist 103 Jahre alt, als ihr Sterben beginnt und sich ihre Tochter Helene bei ihr einquartiert, um mit ihr diese Odyssee zu erleben und sie zu begleiten.

„Helene: Willst Du Pipi machen?
Eve: Das ist hier nicht die Frage. Ich glaube ich sterbe. Was muss ich tun?
Du kommst schauen ob ich da bin. Ich habe Angst ich sterbe und du bist nicht da.
Ich spüre, dass die Stunde gekommen ist.
Du lachst aber ich, ich lach nich.
Was schreibst du?
Helene: wir sind auf Extremreportage.
Eve: Wenn ich tot bin wirst du nichts hören können. Und nichts verstehen.
Helene: Ich will den Augenblick hören den man nicht hört. Und verstehen.
Eve: Wenn die Stunde schlägt dann schlägt sie.
Wenn ich sterben gehe wirst du weinen.
Du schaust von Zeit zu Zeit ob ich noch da bin.
Helene: Aber in der Zwischenzeit?
Eve: Verlässt du mich nich.
Es tut mir leid dass ich gehe aber ich kann nicht lang bleiben.
Was ist zu tun?
Wenn die Stunde schlägt dann schlägt sie. Du wirst mich entschuldigen.
Helene: Nich jetzt.
Eve: Es ist dumm.
Helene: Was?
Eve: Mein sterblicher Zustand.
Mit einem Schlag werde ich nich mehr da sein.
Noch ein oder zwei Tage
Ich werde da sein oder nicht mehr da sein
Ich muss dir noch Umstände machen
Hast du eine Freundin?
Kannst du damit rechnen?
Das ist dumm, was willst du tun?
Vielleicht werde ich diese Nacht für immer einschlafen.
Was machst du morgen?
Helene: Ich sehe den Ophthalmologen. Nachher bleibe ich bei dir.
Eve: Was für Nachrichten?
Helene: Die Wahlen.
Eve: Hoffentlich nich der widerliche kleine Kerl?
Man schläft ein, vielleicht wacht man nich auf
Ich hoffe ich werde morgen noch da sein.
Helene: Du bringst mich zum Weinen.
Eve: Man kann nie wissen.
Du warst immer ein gutes kleines Mädchen zu mir.
Vielleicht werde ich morgen früh nich aufwachen.
Wenn er gewählt worden ist sagst du es mir. Wir werden sehen.
Wo schläfst du?
Man weiß nicht was passiert. Ob es morgen ist oder heute oder wann. Wird Pierre da sein?
Jedenfalls bin ich nicht einverstanden mit Montaigne.
Wenn ich Glück habe, werde ich da sein um dich zu trösten.
Kraul mir den Kopf.“

Sorgfältig protokolliert Helene alle Gespräche mit ihrer Maman und beschreibt auch den allmählichen Rückzug, den körperlichen Zerfall und das Hinübergleiten

Am 14. August nehme ich den 1.°°Juli wieder auf, noch einmal, noch einmal, suche ich, ich suche, es ist 8 Uhr, sie ist gegangen, geschieden, grade erst ist es gekommen, sie ist da, sie ist im Zug, der Zug ist da, ich bin auf dem Steg unmerklich hat der Zug „abgehoben“, ich weiß nicht in welcher Sekunde, die Separation ist eingetreten. Separation tritt nicht ein, sie tritt nur in unserer Abwesenheit ein. Ich war da und war nicht da. Ich weiß nicht wann sie hinausgegangen ist. Sie hat ihren Körper an ihrer Stelle zurückgelassen. Sie pflegte sich nicht einen Zentimeter zu bewegen zehn Stunden lang, im Morgengrauen fand ich sie in der exakt selben Position in der ich sie in der Abenddämmerung schlafend verlassen habe und um 23 Uhr noch einmal besucht hatte. Als ich sie um 5 Uhr montags wieder aufgefunden hatte war sie so wie ich sie sechs Stunden zuvor verlassen hatte, nachdem ich ihr Wasser eingeflößt hatte und, wie an den anderen Morgen, atmete sie sachte und regelmäßig, ich hatte mich geneigt, so wie an den anderen Morgen, wo ich mich sachte zum Urteil beugte denn es war unmöglich, so absolut war ihre Unbeweglichkeit, zu entscheiden ob sie war wo sie war, außer aus der größtmöglichen Nähe, ich hatte mich geneigt mein Schweigen an ihr Schweigen gelegt und mich gehütet sie aufzuwecken in fruchtlosem und mühevollem Erwachen da ich sie um das Obdach der Ruhe gebracht hätte ohne ihr etwas Besseres bieten zu können als die nächste Qual mit einem Medikament, dann war ich vor dem PC sitzengeblieben, das heißt vier Meter von ihr und sie war still geblieben in meinem Rücken und vielleicht ist in einem der Momente dieser Zeit ohne Rand und Relief auf einen Atemzug der nächste Atemzug nicht abgefolgt, die letzte Sekunde ist zwischen diversen Sekunden verirrt, vielleicht ist sie vor mir oder hinter mir passiert
sie hat mich nicht gerufen, sie selbst war vielleicht nicht da der Nichtevent von Nichteve hat vielleicht stattgefunden während sie schlief, er ist ihr vielleicht entgangen, vielleicht ist ja sogar gar nichts passiert, vielleicht ist es Nichts das gekommen ist und so habe ich dieses sehr lange Leben in Vereinigung mit Gott verloren an der Ecke einer Zeit ohne Minute.“
Eve Cixous und Helene Cixous
Am 26. August 2013 um 5 Uhr früh
im Haus von Arachon

Cixous, Hélène: Meine Homère ist tot…
Passagen: 2019

Dieser Text entstand im November 2019.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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