Handicap Pay Gap in Pflegeberufen

Der Spiegel veröffentlichte in der vergangenen Woche einen Beitrag zu den Mittleren Brutto-Verdiensten in Pflegeberufen, wo auch die Übersicht des Screenshots sehr erhellend die Unterschiede in den Gehältern darstellte – allerdings mit Zahlen aus dem Jahr 2017.

Zum einen ist die klaffende Lücke im ebenfalls sehr verantwortungsvollen Altenpflegeberuf mit der dreijährigen examinierten Fachausbildung augenfällig und zum anderen werden diese Pay Gaps in politischen Diskursen zumeist verschwiegen oder marginalisiert. Ursachen für diese gravierende Lohnschere ist unter anderem in den unterschiedlichen Finanzierungssystemen von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zu suchen. Krankenhäuser profitieren von öffentlich-freigemeinnützigen Trägerschaften und damit verbundener Tarifbindung. Schaut man sich seinen monatlichen Krankenversichertenbeitrag an, so übernimmt die Krankenversicherung alle Behandlungskosten ihrer Versicherten.
Hingegen ist die seit 1995 eingeführte Pflegepflichtversicherung für die Langzeitpflege – derzeit bei ca. 3,0 Prozent liegend – lediglich eine „Teilkasko“-Versicherung, wodurch die Hauptlast der Kosten an die Versicherten weitergereicht wird. Lediglich Festzuschüsse werden durch die Pflegekassen entrichtet und das auch nur bei zu begutachtender schwerer Pflegebedürftigkeit. In vielen Fällen reichen die Renten der Pflegebedürftigen für die Kosten in Pflegeeinrichtungen nicht aus und Kommunen müssen als Sozialhilfeträger einspringen – auch Kommunen sind bemüht, diese Pflegesätze dementsprechend zu bremsen. Natürlich muss man sich auch die Trägerlandschaft in der Langzeitpflege anschauen: Über die Hälfte der Pflegeeinrichtungen sind in privater Hand, unterliegen damit keiner Tarifbindung und sehen sich in der Pflicht von Aktiennehmern und Renditeerwartungen. Betriebsgröße und Mitarbeitervertretungen sind zudem in den ambulanten Pflegediensten gering.

Jeanette Cartensen hat gemeinsam mit Holger Seibert und Doris Wiethölter im Auftrag des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg eine aktuelle Studie über den mittleren Verdienst in Krankenhäusern, Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten erstellt, welche 2020 veröffentlicht wurde. Die Differenzen sind gravierend.

Die Autoren konstatieren: „Man erkennt in den aktuellen Entgelt-Daten sowohl bei den Fach- wie auch den Hilfskräften das seit langem und weiterhin bestehende Gefälle zwischen der Krankenhaus- und der Altenpflege. Die Pflegefachkräfte in den Krankenhäusern verdienen im Mittel 17 Prozent mehr als die in der Altenpflege, bei den Helfern sind es sogar fast 25 Prozent Differenz zuungunsten derjenigen, die in der Altenpflege arbeiten.“

Ost-West-Gefälle weiterhin erheblich

Leider immer noch gut erkennbar ist zudem das erhebliche Lohngefälle zwischen West- und Ostdeutschland auch in den Pflegeberufen. Das Gefälle beträgt ca. 20 Prozent und differiert bei den Fachkräften der Altenpflege um 13 Prozent und in der Krankenpflege um 10,3 Prozent.
Darüberhinaus gibt es erhebliche Differenzen zwischen einzelnen Bundesländern. Auf Länderebene verdienen Pflegefachpersonen in der Langzeitpflege im Median zwischen 2.329 Euro in Sachsen-Anhalt und 3.169 Euro in Baden-Württemberg. Pflegefachpersonen im Krankenhaus erzielen dagegen zwischen 2.962 Euro in Mecklenburg-Vorpommern und 3.644 Euro im Saarland. Die Lohnspreizung zwischen Pflegefachpersonen in der Langzeitpflege und im Krankenhaus beträgt zwischen 383 Euro in Bayern und 771 Euro in Sachsen-Anhalt.

Vergleich Krankenpflegehelfer und Altenpflegehelfer

Das geringere Lohnniveau in der Langzeitpflege wiederholt sich auch beim Vergleich der Alten-und Krankenpflegehilfe. Während der Gehaltsunterschied zwischen Pflegefach-und Pflegehilfspersonen ohnehin relativ gering ausfällt, verdienen Pflegefachpersonen in der Langzeitpflege in Sachsen-Anhalt sogar 8 Euro weniger und in Rheinland-Pfalz nur 19 Euro mehr, als einjährig ausbildete Krankenpflegehelfer.
Doch damit sind die erheblichen Lohngefälle bei weitem noch nicht ausreichend dargestellt.
Ein weiteres Lohngefälle gibt es innerhalb der Altenpflege zwischen den Pflegeheimen und der ambulanten Pflegediensten. Annähernd 900 Euro weniger verdient man in der ambulanten Pflege als in der Krankenpflege im Mittel in Westdeutschland – und hier, das muss bei dieser Studie auch betont werden, beziehen sich alle Zahlen auf VOLLZEIT und lassen das Gros an erwerbstätigen Frauen in Teilzeit außer Acht.

Erst im Sommer diesen Jahres wurden Mindestlöhne für Helferberufe eingeführt, die nun bei 11,60 Euro pro Stunde liegen. Ab dem 1. April 2021 wird in Westdeutschland ein Mindestlohn von 11,80 Euro bezahlt, während im Osten der Republik ab diesem Zeitpunkt 11,50 Euro bezahlt werden. Schließlich soll ab September 2021 erstmals der gleiche Pflegemindestlohn in West- und Ostdeutschland gezahlt werden. Wer die schwere und verantwortungsvolle Arbeit von Pflegeassistenten kennt, der weiß, dass das wenig ist.

Wenn in der Bundesrepublik bezüglich dieser gravierenden Pay Gaps kein Umdenken erfolgt, wie zum einen die Pflegeleistungen nicht noch stärker zu Lasten der Pflegebedürftigen gehen und zum anderen die Rahmenbedingungen für gute Pflege auch dergestalt verbessert werden, indem Pflegekräfte angemessen bezahlt werden für gute Arbeit mit einem rentensicheren Einkommen, dann wird sich der Pflegenotstand in der Langzeitpflege noch verstärken.

Es sind politische Entscheidungen, die diesem Umdenken zugrunde liegen müssen.

Jeanette Carstensen, Holger Seibert und Doris Wiethölter (2020)Entgelte von Pflegekräften. Aktuelle Daten und Indikatoren, Nürnberg: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

2 Kommentare zu „Handicap Pay Gap in Pflegeberufen

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