„Das war so ein bisschen wie Game of Thrones“: Aufregung um Ehrenpflegas

Heute schreibe ich einen Beitrag zu der vor kurzem erschienenen Miniserie „Ehrenpflegas“, die für heftige Proteste in der Pflegebranche und wütende Kommentare sowie Petitionen gesorgt hat.

Das Bundesministerium von Franziska Giffey gab immerhin 700.000 Euro aus dem Bundesetat für insgesamt fünf Folgen von ca. 6 Minuten Länge aus. Warum also die Aufregung? Die beginnt schon mit dem Sujet und den Hauptfiguren der Miniserie, das trivialer nicht sein könnte.
„Ausbildung heißt bei mir, ich mach die Probezeit, hab dann nen Vertrag und scheiß dann drauf. Kassier mein Cash und chill wie´n Maulwurf“, macht der nicht besonders motiviert und klug wirkende Boris mit fragmentierten Deutschkenntnissen („Ich bin 25 und gehe 1. Klasse – 1. Klasse Pflegeschule“) schon in den ersten Minuten klar.

„Ausbildung heißt bei mir, ich mach die Probezeit, hab dann nen Vertrag und scheiß dann drauf. Kassier mein Cash und chill wie´n Maulwurf.“

Boris, 25
Screenshot aus Teil 1 der fünfteiligen Miniserie "Ehrenpflegas", die in youtube.com angeschaut werden kann.

Der Loser hat schon mehrere Lehren abgebrochen: als Tischler, Frisör und als Kraftfahrzeugmechatroniker. Beste Voraussetzungen also, die 3 Jährige examinierte generalisierierte Ausbildung zum Pflegefachmann zu absolvieren. In seiner neuen Klasse trifft er auf Miray, die er schon aus der Schule kennt und in die er schon einige Jahre verliebt ist. ‚Harry‘ Potter ist die dritte Figur dieser Miniserie: Eine neunmalkluge Streberin, die „lieber Bücher liest, als was mit dem Handy zu machen“.

Klischeehafter Blick auf Pflege

Wie war so der 1. Praxiseinsatz? „Bei mir ist jemand gestorben, das war so ein bisschen wie Game of Thrones“, erzählt Miray. Es wird Werbung für die Ausbildungsvergütung gemacht, die über 1.000 Euro liegt – Harry Potter kann sich davon ein Cabrio leisten, wie geil. Boris rechnet aus, wieviele E-Zigaretten er dafür verkaufen müsste: Schlappe 200 wären das nämlich.

Boris absolviert seine Praxis in einem Pflegeheim, sein Umgang mit dementen Bewohnern ist dementsprechend: „Ich bin Boris, Alter!“, klärt er auf. Weil er sein Handy vergessen hat, dringt Boris mit Harry Potter und Miray in ein Bewohnerzimmer ein und durchsucht die Schubladen und Schränke des schlafenden Bewohners. „Wenn er so schläft, sieht er ein bisschen aus wie die Kinder von meiner Station“, sagt die angehende Kinderkrankenschwester Potter.

„Wenn er so schläft, sieht er ein bisschen aus wie die Kinder von meiner Station.“

H. Potter

Seinen Kumpels erzählt Boris: „Ich sitz da irgendwie den ganzen Tag mit Kartoffeln rum und ess Kartoffelbrei.“ Auch der Pflegerberuf scheint bei den angehenden Bankern und Kfz-Mechanikern voll die Anerkennung zu haben: „He Boris, hast Du da Game bei Frauen?“, „He Baby, ich bin Pfleger, mach Dich bereit! Ich muss nur kurz einmal checken, ob Deine Windel noch frisch ist“, wird vom anderen Kumpel die Klaviatur der dümmsten Klischees über Pflege durchgespielt.

Am Ende erklärt noch die straighte Lehrerin, warum so einer wie Boris in die Pflegeschule aufgenommen wurde. „Weil’s manchmal Wunder wirkt, wenn jemand, der ganz viel Scheiße in seinem Leben gebaut hat, auf jemanden trifft, der seine Hilfe braucht.“
Nette Philosophie. Dass ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis Grundlage der Aufnahme für die examinierte Pflegeausbildung ist, wird wohlweislich verschwiegen.

„Weil’s manchmal Wunder wirkt, wenn jemand, der ganz viel Scheiße in seinem Leben gebaut hat, auf jemanden trifft, der seine Hilfe braucht.“

Berufsschullehrerin Jana

Franziska Giffeys kleiner Gastauftritt ganz am Schluss der letzten Folge geht in der Aufregung um Boris‘ Verhaftung unter. Der hatte seinem Banker-Kumpel paar auf die Zwölf verpasst, weil dieser sich beim nächtlichen motorisierten Ausflug (nach ausgiebigem Zechgelage) ans Heim über die Pflegebedürftigen lustig gemacht hatte. Boris hat dort nun Hausverbot, darf aber die Ausbildung nach der Probezeit weitermachen, erzählt die taffe Lehrerin Jana. Ende gut, alles gut.

Franziska Giffey sonnte sich sichtlich zur Premiere dieser Miniserie im Berliner Filmtheater Delphi, spiegeln solche 700.000 Euro-Würfe doch ihre Philosophie, jungen Menschen die Attraktivität von anspruchsvollen Pflegeberufen schmackhaft zu machen. Und nebenbei hatte sie ein paar hübsch gemachte Fotos für ihren Facebook-Account.

Die wütenden Gegenreaktionen aus der Pflegebranche, vor allem auch von den Auszubildenden der examinierten Fachberufe, sprechen eine klare Sprache. „Wir fühlen uns sehr falsch verstanden, wenn wir Physiologie-, Anatomie-, Biologie- und Soziologiekenntnisse besitzen, welche der „Durchschnittsbürger“ nicht hat, aber von der eigenen Regierung offenbar als dumm und handyfixiert dargestellt werden. Dadurch werden keine kompetenten Arbeitskräfte angesprochen, sondern die, die letzten Endes keinerlei Eignung für so einen wichtigen und verantwortungsvollen, teilweise auch sehr belastenden Beruf haben“, schreiben Auszubildende beispielsweise in einem offenen Brief an Franziska Giffey (Quelle: http://www.rotkreuzschwestern.de). Groß ist der Ärger auch bei den Vertreterinnen und Vertretern der Pflegewissenschaften, die seit vielen Jahren für die gesellschaftliche Anerkennung und höhere Wertschätzung von Pflegefachberufen kämpfen und sich dabei vor allem öffentlich Gehör verschaffen – indem sie permanent die wichtige und systemrelevante Facharbeit der Pflegeberufe thematisieren.

„Wir fühlen uns sehr falsch verstanden, wenn wir Physiologie-, Anatomie-, Biologie- und Soziologiekenntnisse besitzen, welche der „Durchschnittsbürger“ nicht hat, aber von der eigenen Regierung offenbar als dumm und handyfixiert dargestellt werden.“

Auszubildende

Dass Fachqualifikation, Interaktionskompetenz und Strukturkompetenz – um an dieser Stelle exemplarisch drei wichtige Kompetenzen der professionellen Pflege zu nennen – wichtige Merkmale sind, die unabdingbar mit der examinierten dreijährigen Fachausbildung verknüpft sind, wird in dieser Miniserie sträflich konterkariert. Zudem bei jungen Leuten die Bereitschaft groß wäre, in der Pflege zu arbeiten, wenn denn auch die Rahmenbedingungen stimmen würden – doch die Rahmenbedingungen stimmen schon seit vielen Jahren nicht.

„Pflege mit Herz“, der Grundtenor des Films ist grundsätzlich falsch. Er dient nicht im geringsten dazu, auf die fordernde und verantwortungsvolle Tätigkeit von Pflegefachkräften nur annähernd einzugehen und somit jungen Leuten auch nur ansatzweise einen Einblick in Ausbildung und Beruf zu geben.

Was sich hierin spiegelt ist leider das Unvermögen politischer Entscheidungsträger, mit adäquaten Kampagnen und Management auf die Erfordernisse des Pflegenotstands zu reagieren. Der Pflege der Zukunft wird man so nicht gerecht.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

KLITZEKLEIN

Ein klitzeklein(es) Blog

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: