Pflege stärken

Oder die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau

Andreas Westerfellhaus, der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, wurde vor zwei Tagen von Zeitungen zitiert, Führungskräfte in der Pflege gezielt schulen zu wollen, um so die Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern.

Diese Initiative ist auf drei Jahre ausgelegt, in welchen 750 stationäre und ambulante Pflegeeinrichtungen begleitet werden sollen. Insgesamt gibt es in der Bundesrepublik 28.000 Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste, in denen 1,2 Millionen Menschen arbeiten.

Weil viele der ausgebildeten Pfleger nicht lange im Beruf bleiben und vor allem die schlechten Arbeitsbedingungen kritisieren, müsse man an diesem Punkt ansetzen, argumentiert Westerfellhaus. Nun sollen externe Unternehmensberater diese Veränderungen evaluieren.
Westerfellhaus verweist auf ein Pilotprojekt mit 25 Einrichtungen, wo man signifikant Arbeitsbedingungen verbessern konnte. Für dieses Ansinnen stehen ein paar Millionen bereit. Start ist ab Sommer 2021.

Unterschiede der Arbeitsbedingungen in Deutschland, Schweden und Japan

Die Arbeitsbedingungen von Pflegenden standen im internationalen Vergleich vor zwei Jahren auf der Forschungsagenda, als die Hans Böckler Stiftung eine vergleichende Studie der Arbeitsbedingungen in Deutschland, Schweden und Japan veröffentlichte. Der demografische Wandel stellt besonders die Industrieländer vor die Herausforderung, nun dezidiert die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften spürbar zu verbessern, die unter Zeitdruck, Erschöpfung und prekären Arbeitsverhältnissen leiden.

Normalarbeit allein ist kein Garant für hohe Arbeitszufriedenheit. Zusätzlich braucht es unter anderem eine adäquate Ausbildung, ausreichend Personal und Gestaltungsspielräume für die Beschäftigten.

Die Studie der Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Hildegard Theobald von der Universität Vechta untersuchte Daten von insgesamt 2.500 Beschäftigten in den Jahren 2005 bis 2012.
Prekäre Beschäftigungsformen liegen in Japan und Schweden bei 60 Prozent, in Deutschland sind es über 70 Prozent. Das Qualifikationsniveau in allen drei Ländern ist ungefähr gleich: Es gibt die zwei- bis dreijährige Berufsausbildung und zusätzlich PflegehelferInnen und ungelernte Kräfte.
In Deutschland ist das Fachkräfteniveau in den ambulanten Diensten mit 53 Prozent am höchsten, wogegen Deutschland im stationären Bereich mit 33 Prozent Fachkräfteanteil in Kranken- und Altenpflege Schlusslicht ist.

Von diesen 33 Prozent deutscher Fachkräfte halten ein Viertel ihre Ausbildung für inadäquat. In Schweden sind im stationären Bereich Zweidrittel der Beschäftigten Fachkräfte, von denen sich nur 11 Prozent als inadäquat ausgebildet sehen.
In Japan sind es 44 Prozent der Fachkräfte im stationären Bereich, die sich unzureichend ausgebildet sehen, hingegen im ambulanten Bereich 26 Prozent. Hier muss man erwähnen, dass Deutschland maßgeblich die Entwicklung des Pflegesektors in Japan beeinflusst hat, da Japans Gesellschaft in etwa so schnell altert wie jene in Deutschland, deshalb nahm Japan die Pflegeversicherung in Deutschland als Vorbild.

Zeitdruck und schwere körperliche Belastungen sind signifikant hoch in der Pflege

Besonders Zeitdruck und die körperlichen Belastungen sind im internationalen Vergleich in allen drei Ländern die Probleme der Pflegekräfte, die zuallererst angesprochen werden.
Zeitdruck: 73 Prozent der Beschäftigten aus der stationären Pflege aus Deutschland
53 Prozent der Japaner und 40 Prozent der Schweden leiden unter Zeitdruck.
In ambulanten Diensten: 54 Prozent in Deutschland, 35 Prozent in Japan und 37 Prozent in Schweden.

Körperliche Belastungen: Im stationären Bereich in Deutschland und Schweden klagen 60 bis 70 Prozent über zu hohe Belastungen. In Japan sind es sogar 81 Prozent, die über die körperlichen Belastungen klagen. In Japan werden durch ambulante Dienste vor allem hauswirtschaftliche Tätigkeiten ausgeführt, deshalb liegt dort der Prozentsatz bei 18 Prozent, in Deutschland und Schweden bei 40 bis 50 Prozent. Stark ausgeprägt ist in allen drei Ländern, den Job zu wechseln: 30 Prozent der ambulanten Dienste in Deutschland bekunden dies und 56 Prozent in der stationären Pflege in Japan.


Sehr kritisch fiel in der Studie von Hildegard Theobald der Umgang mit Migrantinnen und Migranten in der Pflege vor allem in Deutschland auf – in Japan ist der Migrationsanteil mit 0,5 Prozent marginal. In Deutschland und Schweden arbeiten jeweils 14 Prozent im stationären Bereich und 11 Prozent in den ambulanten Diensten.
„Unbezahlte Überstunden machen 41 Prozent der Migranten und Migrantinnen sowie 18 Prozent der anderen Beschäftigten. Noch schlechter sieht es bei den Ungelernten aus. Gestaltungsspielräume haben 23 Prozent der Pflegekräfte mit Migrationshintergrund und 35 Prozent der einheimischen Kollegen. Häufig körperlich erschöpft sind 88 im Vergleich zu 64 Prozent. Zudem erfahren Migranten und Migrantinnen weniger Wertschätzung von den Familien und Vorgesetzten. Von ausländerfeindlichen Kommentaren sind 15 Prozent betroffen.“

Wie entscheidend das kulturelle Ansehen der Pfleger für ein ganzes System ist, zeigt die Befragung in Japan. Dort gibt es zurzeit einen Imagewandel: Ein Job im Pflegeheim gilt dort immer öfters als körperlich anstrengender Männerberuf. Und als gut bezahlter Vollzeitjob.

„Allerdings werde an diesem Beispiel auch deutlich, dass Normalarbeit allein kein Garant für hohe Arbeitszufriedenheit ist. Zusätzlich brauche es unter anderem eine adäquate Ausbildung, ausreichend Personal und Gestaltungsspielräume für die Beschäftigten.“

Die Sozialwissenschaftlerin gibt als Handlungsempfehlungen: Von Schweden lernen und grundsätzlich Pflegekräfte gut auszubilden und hierbei auch berufsbegleitende Angebote anzubieten. Um prekäre Arbeit und Teilzeitjobs zu verringern, müssen familienfreundlichere flexiblere Vollzeit- oder umfangreichere Teilzeitarrangements eingerichtet werden. Desweiteren sei eine bessere Kinderbetreuung notwendig.

Weder klingen die Befunde neu oder überraschend, noch sind es die Lösungsvorschläge (siehe Blogbeitrag „Lady with the Lamp„). Hoffentlich werden nun die von Andreas Westerfellhaus beauftragten Unternehmensberatungen durch die Schulungen von Führungskräften ein paar neue, vielleicht auch spannende und noch nie dagewesene Aspekte der Motivation von Arbeitskräften herauskitzeln und so dieses harte Arbeiten am Limit – auch im internationalen Vergleich – zumindest in den Bilanzen der Unternehmensberatungen erträglicher machen.

Hildegard Theobald: Pflegearbeit in Deutschland, Japan und Schweden (Link), Study der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 383, (unter Mitarbeit von Holger Andreas Leidig) August 2018.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

KLITZEKLEIN

Ein klitzeklein(es) Blog

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: