Zelfstrijkend: Buurtzorg und Zorghotels

Das Pflegesystem in Holland

Holland ist führend in Europa, wenn es um die Wertschätzung von Pflegenden und die Fürsorge für die Pflegebedürftigen geht. Deshalb möchte ich heute das Pflegesystem in Holland fokussieren.

Im Jahr 2006 fand in Holland eine Reform des Pflege- und Gesundheitssystems statt. Öffentliche Versicherungen wurden privatisiert und es begann der Umbau des Pflegesystems von einem zentralistisch gesteuerten hin zu einem dezentralen System mit dem Ziel, die Gesundheitskosten zu senken und gleichzeitig durch den Wettbewerb den Patienten und auch den Versicherungen mehr Freiräume der Auswahl zu geben. Es wurden dabei drei Märkte geschaffen: Ein Versicherungsmarkt, der Erwerbsmarkt und der Versorgungsmarkt.

Für die Versicherten sind alle Beiträge gleich, jeder Antragsteller muss aufgenommen werden und erhält das zugrundeliegende Basismodell und jede/r Versicherte hat die Möglichkeit, einmal pro Jahr die Versicherung zu wechseln.

Der Erwerbsmarkt wiederum dient den Versicherungen mit verschiedenen Gesundheitsdienstleistern Verträge über Gesundheitsdienstleistungen abzuschließen, was innerhalb der Rahmenbedingungen der holländischen Gesundheitsbehörde „Nederlandse Zorgautoriteit“ (NZa) erfolgt. Der Versorgungsmarkt schließlich sichert dem Patienten die Wahlfreiheit, selbst über Gesundheitsdienstleistungen und den jeweiligen Gesundheitsdienstleister entscheiden zu können und dies mithilfe einer Überweisung des Hausarztes.

Die Zielsetzung der Kostensenkungen wurden durch diese Reform nicht erreicht, die Gesamtkosten blieben gleich, obwohl die Preise für Gesundheitsleistungen gefallen waren, aber insgesamt stieg das Volumen der Gesundheitsleistungen. So kam es zur Pflegereform im Jahr 2015.

Umfassende Reformierung der Langzeitpflege

Holland hat einen sehr hohen Anteil an Pflegebedürftigen, die in Heimen untergebracht werden. Ziel der weitreichenden Reformierung der Langzeitpflege war es, die Selbstbestimmtheit betroffener Pflegebedürftiger so lang als möglich zu erhalten und Qualität und Pflege langfristig zu verbessern. Bis zu diesem Zeitpunkt galt das „Allgemeine Gesetz für besondere Krankheitskosten“ (AWBZ), das 1968 in Kraft getreten war als eine Pflegeversicherung für Menschen, die auf Heimbetreuung angewiesen waren. Dieses Gesetz war nur teilweise mit der deutschen Pflegeversicherung vergleichbar, denn es bildete ein viel umfangreicheres Risikospektrum ab. So wurden nicht nur die Kosten übernommen, wenn Menschen durch Alter, Krankheit oder Unfall zum Pflegefall wurde, sondern auch für Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen.

Das bisherige Pflegesystem in Holland wurde nun ab 2015 in vier Gesetzen verankert: Drei bestanden bereits zu diesem Zeitpunkt und ein neues Gesetz kam hinzu, das Gesetz über die Langzeitpflege (WLZ).

Wet langdurige zorg – Gesetz über die Langzeitpflege

In diesem Gesetz wird die Betreuung von Pflegebedürftigen geregelt, die 24/7 auf Pflege und Betreuung angewiesen sind. Umfassendste Form ist hierbei die Unterbringung in Einrichtungen der Langzeitpflege. Festgestellt wird die Bedürftigkeit durch das Centrum Indicatiestelling Zorg (CIZ). Pflegebedürftige können alternativ ein „Volledig Pakket Thuis“ (VPT), ein Komplettpaket in häuslicher Umgebung bestellen oder aber mittels eines persönlich zugeteilten Pflegebudgets von der Sociale Verzekerings Bank (SVB), der Sozialversicherungsbank die festgelegten Pflegeleistungen von selbst gewählten Dienstleistern buchen.

Zorgversekeringswet – Gesetz über die Krankenversicherung (ZVW)

Häusliche Pflege, die keiner 24/7-Betreuung bedarf, fällt nun in die Krankenversicherung und ist im ZVW geregelt. Dort werden die Hausarztabrechnungen, die Versorgung in Krankenhäusern, Therapien und die Medikamentenversorgung geregelt. Durch diese Neuordnung verspricht sich der Gesetzgeber eine bessere Koordinierung der medizinischen Versorgung und bessere Korrespondenz und Kooperation der Dienstleister und Versorger. Zentral sind hierbei die Pflegefachpersonen, in der Regel Bezirkskrankenpfleger, welche die pflegerischen Bedarfe ermitteln, die notwendig sind, damit der Pflegebedürftige in der eigenen Häuslichkeit leben kann.

Wet maatschappelijke ondersteuning – Gesetz über die soziale Unterstützung

Den Gemeinden obliegt die soziale Unterstützung für die Förderung der Teilhabe jedes Einzelnen. Dieses Gesetz heißt dementsprechend Wet maatschappelijke ondersteuning (WMO). Die Gemeinden sind für die Versorgung von Menschen mit Behinderungen und für die Versorgung von alten Menschen zuständig. Die Pflegebedürftigkeit bzw. der Grad der sozialen Unterstützung wird durch die Gemeinde eingeschätzt, wobei die Möglichkeiten der Selbsthilfe, von sozialen Netzwerken und Helfern vor Ort den Vorrang haben, um die Teilhabe des Hilfebedürftigen vollumfänglich zu gewährleisten.

Nun ist es viel besser möglich, die Hilfen individuell auf die Bedarfe der Hilfesuchenden abzustimmen. Vormals war dies die Angelegenheit der Pflegeversicherung (AWBZ), die nur ein bestimmtes Potfolio an unterstützenden Leistungen bot. Jetzt werden auch Freizeitangebote, wichtige Transporttransfers, das Catering für die Essensversorgung oder die Unterstützung mit Haushaltshilfen über die Gemeinden abgewickelt.

Wie sieht nun die Finanzierung nach der Pflegereform aus?

Die Leistungen nach diesen vier verschiedenen Gesetzen werden dementsprechend verschieden abgerechnet und finanziert. Für die Langzeitpflege gibt es einen speziellen Langzeitpflegefonds, in den Bürger ab 18 Jahren eine einkommensabhängige Prämie einzahlen (sie wird über die Einkommenssteuer verrechnet), deren Wert aktuell bei 9,65 Prozent des Einkommens liegt.

Bei zusätzlichen Gesundheitsdienstleistungen wird ein zusätzlicher einkommensabhängiger Beitrag gezahlt. Bei diesem Betrag spielt das Alter desjenigen eine Rolle, desweiteren ob er verheiratet oder ledig ist, ob er Kinder versorgen muss und ob er häuslich betreut wird oder in einem Pflegeheim lebt. Die Zentralregierung unterstützt mit öffentlichen Mitteln diesen Fonds, falls die Beiträge nicht zur Kostendeckung ausreichen.

Zorgversekeringswet (Gesundheitsrecht)

Alle Versicherten über 18 Jahre zahlen eine Versicherungsprämie an ihre Versicherung, obligatorisch ist dabei eine Selbstbeteiligung. Der Arbeitgeber zahlt einen einkommensabhängigen Betrag in einen Krankenversicherungsfonds ein. Für Kinder und Jugendliche entrichtet der Staat Beiträge, die in einen Krankenversicherungsfonds eingezahlt werden. Aus den Krankenversicherungsfonds erhalten Versicherungen (neben den Versichertenbeiträgen) eine von Alter und Gesundheitszustand abhängige Zuteilung von Mitteln aus den Krankenversichertenfonds. Damit soll ein fairer Wettbewerb stattfinden und vermieden werden, dass Versicherte wegen zu hoher Risiken abgelehnt werden.

Wet maatschappelijke ondersteuning – (Gesetz über soziale Unterstützung)

Für die Leistungen der sozialen Unterstützung gibt es einen Fonds für Gemeinden, aus welchem die Aufwendungen bestritten werden. Dienstleister bekommen ihre Leistungen direkt ausgezahlt. Je nach Vermögen oder Einkommen kann es auch zu einer Eigenbeteiligung bis zur völligen Kostenübernahme kommen.

Gewinnerzielungsabsicht? Nur in Ausnahmefällen.

Eine Gewinnerzielungsabsicht ist nur im Bereich der ambulanten Versorgung möglich. Der Minister für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport ist für die Zulassungen der Gesundheitsdienstleister zuständig. Geregelt wird dies im Gesetz über die Zulassung von Pflegedienstleistern (WTZi). Dort ist eine Gewinnerzielungsabsicht nicht auf alle Dienstleistungen hin zulässig. Dies wird im Art. 3.1 des WTZi bestimmt. Eine Gewinnerzielungsabsicht ist nicht zulässig, wenn es sich um ein Angebot einer stationären Behandlung handelt.

Fazit

Auch das holländische Pflegesystem basiert wie jenes in Deutschland auf dem konservativen Wohlfahrtsmodell nach Subsidaritätsprinzip. Der Staat greift erst dann bei der Pflege ein, wenn die Familien nicht mehr die Erfordernisse der Fürsorge für den Pflegebedürftigen bewerkstelligen können. Allerdings ist dieses Pflegesystem wie jenes in Schweden universell angelegt, indem keine finanziellen Aspekte zum Hauptkriterium erhoben werden. In Holland ist die Krankenversorgung nicht so kommerzialisiert worden wie in Deutschland, wodurch im Fokus die Anliegen der Pflegebedürftigen stehen und neue Denkansätze und innovative Pflegemodelle, wie beispielsweise Buurtzorg und Zorghotels, entwickelt wurden.

Buurtzorg ist ein Ambulanter Pflegedienst und wurde 2007 vom holländischen Krankenpfleger Josephus Bernardus Imelda (Jos) de Blok (Vogelwaarde, 10. August 1960) gemeinsam mit vier Kollegen gegründet.

Buurtzorg ( „Nachbarschaftshilfe“) ist in der häuslichen Pflege tätig. Als „purpose (Sinn, Zweck) driven company“ hat die Firma eine gemeinnützige Rechtsform.

Das Motto der gesamten Organisation : „Menschlichkeit vor Bürokratie“.

Die Mission für die Teams: „Gebt den Pflegekräften ihre Berufung zurück und schafft Rahmenbedingungen, dass sie die Menschen so betreuen können, wie sie es lieben.

Wenn Schwestern und Pfleger ihre Arbeit wieder schätzen, sind auch Patienten und Angehörige glücklich.“

Selbstverständnis: „We don’t deliver care, we solve problems“. Es existieren keine zu verkaufende „Pflegeleistungen“. Es wird ausschließlich nach verbrachter Zeit für die Problemlösung abgerechnet.

Kleine, sich selbst organisierende Teams von 4 bis 12 Pflegekräften.

Keine Hierarchien, keine Chefs, keins PLDs – weder in der Zentrale noch in den Teams.

Das Buurtzorg Zwiebel-Modell von innen nach außen. Der Klient/Patient steht immer im Mittelpunkt.

Die Situation des Klienten wird von den Pflegern holistisch (ganzheitlich) wahrgenommen und der Pflegebedarf eingeschätzt. Ziel ist es immer, die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Klienten zu verbessern. Also das umgekehrte Ziel des „Pflegegrad-Management“, das bei uns das Sachleistungsbudget für mehr Versorgungsleistungen verbessern soll. Idealerweise wird der Klient/Patient schnellstmöglich durch „Genesung und /oder wiedererlangter Eigenständigkeit“ aus der Obhut von Buurtzorg wieder entlassen.

Als Einschätzung- und Bewertungssystem wird das OMAHA-System genutzt. Pflegeplanung und Dokumentation wird ausschließlich papierlos über Tablets vorgenommen.

Alle Teammitglieder sind für alle Aufgaben verantwortlich (Medizinische Versorgung, Einsatzpläne, Neueinstellungen, Neukunden, Abrechnungen, Budgets, etc.).

Eigenes Social Intranet Buurtzorgweb als Grundlage des Lernens, der Kommunikation und des Wissensaustauschs.

Rahmenvorgabe für die Arbeit und Organisation der selbstorganisierten Buurtzorg Teams.

Teams werden von derzeit 21 Coaches beim Aufbau und bei Konflikten unterstützt, wenn sie von den Teams hierzu aufgerufen werden.

Quelle: https://pflege-dschungel.de/buurtzorg/

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

3 Kommentare zu „Zelfstrijkend: Buurtzorg und Zorghotels

  1. Danke für diesen tollen und mehr als informativen Blogartikel.

    Du hast die Informationen zusammen getragen und veröffentlicht, die ich schon seit langem suche. Denn ich glaube, dass wir hier in D-Land uns ernsthaft überlegen sollten, ob das niederländische Modell nicht auch bei uns passen würde. Klar, das würde eine massive Anstrengung erfordern, alles umzustellen. Es würde auch Zeit brauchen, aber letztendlich würde sich das für unsere Gesellschaft und die nachkommenden Generationen lohnen.

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    1. Es freut mich sehr, dass die Infos hilfreich sind. Ich bin wie Du der Meinung, dass das deutsche Teilkaskoprinzip in der Langzeitpflege nach SGB XI dringenden Reformbedarf aufweist und ein eigenes Gesetz zur LZP wie in Holland hilfreich wäre – natürlich ebenso wie eine ausreichende Finanzierung. Ich bin auf die Koalitionsverhandlungen der künftigen Ampelregierung gespannt. Meines Erachtens sollte dort nicht das gelbe Licht vorherrschen, was einem „weiter so!“ wie bisher gleichkäme.

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