Marta, Marta!

Interessante Einblicke in ein Stück DDR und die Krankenpflege

Es war am 20. Februar 2021 purer Zufall, dass ich am Nachmittag, als ich zum Krankheitsbild Norovirus ein paar Fachbücher zur Recherche raussuchte zur Abwechslung und als „Hintergrundrauschen“ den Fernseher einschaltete. Erst meinte ich, die Erkennungsmelodie des Polizeirufs 110 zu vernehmen, doch schon nach wenigen Sekunden erkannte ich in Marijam Agischewa und dem jungen Walther Plathe die Hauptdarsteller eines DDR-Fernsehfilms, der mich schon als Kind beeindruckte. Erst dachte ich, es sei „Geschwister“, einer der ersten Filme der Agischewa, doch bald erkannte ich, dass es der 1979 gedrehte Film „Marta, Marta“ ist.

Regie führte Manfred Mosblech, Gisela Steineckert schrieb das Szenarium des Films und war außerdem die Texterin des Titelsongs „Mädchen“. Das eingespielte Instrumental erinnerte sehr stark an das Intro des Polizeiruf 110 – dies hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass Hartmut Behrsing die Musik für den Film arrangierte. Doch zurück zu Manfred Mosblech. Man erkennt im Film deutlich seine Handschrift. Mosblech machte sich als Regisseur von Polizeiruf-Folgen einen Namen und legte großen Wert auf detail- und milieugenaue Skizzen, so in „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ oder „Der Mann im Baum“. In den 1980ern, dies möchte ich noch erwähnen, drehte er die Serie „Treffpunkt Flughafen“, wo ebenfalls Marijam Agischewa und Walter Plathe Hauptrollen verkörperten.

In „Marta, Marta!“ spielt Marijam Agischewa die kratzbürstige, gut kochende und vielfragende 16 Jährige Martina, die Marta genannt werden will. Ihr Papa (Jürgen Heinrich) ist Sänger an der Oper in Berlin, ihre Mutter sitzt an der Kasse im Konsum. Im Erdgeschoss wohnt Monty, der bürgerlich Ernst-Martin heißt und Taxi fährt und recht passabel ist, so dass Marta ganz gerne bei ihm abhängt, während er ihre Kochkunst schätzt. Welchen Beruf Marta nun nach der Schule lernen möchte, weiß sie nicht. Die Berufsberaterin zählt so einige Traumberufe auf: Schauspielerin? Tänzerin? Artistin, vielleicht Clown? Fallschirmspringerin, Schlagersängerin? Marta winkt ab und erzählt keck, welche Talente sie hat und was sie nicht will, nämlich sich festlegen, davor habe sie furchtbare Angst. Was sie besonders gern mache? Gar nüscht, am liebsten macht sie gar nüscht und eigentlich möchte sie gar keinen Beruf lernen. Wenn dann was solides, wo man aber trotzdem Aufregendes erlebt, einen Job zum Geld verdienen und einen zum Verreisen.

So wird sie schließlich von Oberschwester Marianne auf einer Baustelle herumgeführt, die ihr vorab das Schwesternwohnheim präsentiert, wo sie allerdings noch ein Jahr auf ein Zimmerchen warten muss, weil es aktuell ausgebucht ist. „Es sind schon mehr gekommen als geblieben“, erzählt sie der 16 Jährigen. „Mutter, Kinder, in andere Berufe abgewandert, Medizin studiert … Das ist ein Beruf, der eigentlich Berufung sein sollte, aber reich und berühmt wird man natürlich nicht.“

Der Chefarzt der Klinik begrüßt die frischgebackenen Schwesternschülerinnen schließlich mit einer verhaltenen Rede ihre Zukunft betreffend: Sie erlernen einen alten Beruf, der ehrwürdig und schwer ist.

Was der Beruf an Schwere mit sich bringt, damit wollen wir Sie so früh als möglich konfrontieren, damit Sie so früh als möglich abspringen können, wenn Sie doch lieber Mannequin werden wollen oder was man immer auch werden kann, wenn man so beneidenswert jung ist wie Sie.

Chefarzt

Marta stürzt sich hinein ins Unbekannte und eckt an durch die Gepflogenheiten und die Strenge auf Station. Essen machen und austeilen muss sie, aber leise Radio hören ist verboten. Der Chefarzt erklärt ihr ruhig, dass die Stimme eines erschöpften und leidenden Kranken sehr schwach und leise vernehmbar sein kann. Er ist skeptisch, ob die besonders lebenslustig und keck wirkende Marta den richtigen Beruf gewählt hat. Doch Marta hängt sich rein, mosert über kalte Suppen für die Patienten und legt sich mit der Küche an und wird auch hierbei durch die strenge Hierarchie des Krankenhauses in ihrem Engagement gebremst. Das überschreite ihre Kompetenzen als Lehrschwester, macht ihr eine der Stationsschwestern unmissverständlich klar. Und so sind es vor allem Aufgaben wie das anstrengende Schrubben der Böden, Betten machen, Patienten begleiten, Vitalwerte messen, Stullen schmieren, welche den Auszubildenden übertragen werden.

So ein Patient ist kein Werkstück. Sie werden schon ans Bett herankommen, keine Sorge. Aber langsam, langsam.

Chefarzt

„Du brauchst einen Pavel Kortschagin mit einem Klecks Udo Jürgens“ erkennt Taxifahrer Monty

Das Gespräch mit einer Patientin, die wegen einer Krebsdiagnose bei der jungen Auszubildenden Rat sucht, bringt Marta in große Schwierigkeiten auf Station. Marta will die Patientin beruhigen und erklärt ihr, dass sie keinen Krebs habe. Als die Patientin von ihr verlangt, in der Patientenakte nachzusehen, verstrickt sich Marta in Widersprüche, welche die Patientin als Bestätigung ihrer düsteren Vorahnung interpretiert. Sie versucht sich das Leben zu nehmen, heimlich sammelte sie die Tabletten.

Marta gesteht der Oberschwester, dass sie der Patientin versicherte, sie habe keinen Krebs. Der Chefarzt ist außer sich vor Wut und will sie am liebsten rausschmeißen.

Sie lernen eins nach dem anderen. Aber man kann nicht jeden Ausnahmefall im Vorhinein üben.

Oberschwester

Die Oberschwester hat eine andere Idee: Sie schickt Marta in den Kreißsaal. Der Chefarzt muss sich beugen.

Marta erlebt direkt am Bett eine Geburt – assistiert, redet der Patientin Mut zu, fiebert mit und ist schließlich völlig überwältigt.

Marta dankt dem Chefarzt für diese Chance und überschwänglich und überglücklich erzählt sie der Oberschwester, dass sie heute ein Baby zur Welt gebracht hat.

Dieser sehr erfrischend erzählte Fernsehfilm hatte natürlich noch andere Ebenen, wie die Ehekrise ihrer Eltern oder auch die widersprüchliche Beziehung zu Monty, die ich in diesem kurzen Beitrag nicht gestreift habe. Zu sehen ist der Film noch bis zum 20. März 2021 in der ARD-Mediathek.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

2 Kommentare zu „Marta, Marta!

    1. Herzlichen Dank für Deinen Kommentar! Ja, ich habe den Film damals gemocht und finde ihn heute noch gut – exzellente Schauspielerinnen u. Schauspieler und eine interessante Erzählung. Und es freut mich sehr, wenn es anderen Menschen ebenso geht – viele Grüße!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

KLITZEKLEIN

Ein klitzeklein(es) Blog

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: