Das Kreuz auf sich nehmen?

Ein paar Gedanken nach Ostern zum Karfreitag, der ebenso gut Care-Freitag werden kann.

Heutzutage geht leider in unserer Kultur das Wissen um die Ostergeschichte und deren Symbolik verloren, was ich persönlich sehr schade finde. Denn gerade die Geschichte von Jesus als dem Gekreuzigten, der sich solidarisch zeigte mit den Ausgegrenzten, den Leidenden und Kranken, ist die zeitlose Erzählung, die auch heute noch als Narrativ für Empathie und Mitfühlen, als Bild der bedingungslosen Liebe gelten kann. Fern vom Mythos des Jenseitigen, sondern fokussiert auf das Diesseits und die Aktualität des Schmerzempfindens und der Verletzlichkeit des Lebens. Gerade in der Pflege sind dies die Kriterien, mit denen die Pflegenden tagtäglich zu tun haben, denn neben der Professionalität gehört die Empathie zur Grundvoraussetzung für diesen Beruf. Die Notwendigkeit des Mitfühlens, womit nicht die Herablassung des Mitleids gemeint ist. Und auch nicht in dem Sinne des Heldentums, so wie es gerade in den Zeiten der Pandemie mystisch als magisches übermenschliches Bild projiziert wurde und eben leider nichts weiter bleibt als eine Projektion. Antje Schrupp erzählte vor wenigen Jahren von der Idee Schweizer Frauen, den Karfreitag zum Care-Freitag zu erklären.

Die Vorsilbe Kar-, so ihr Argument, stammt von dem althochdeutschen Wort Kara ab, das so viel bedeutet wie „Klage, Trauer, Sorge“ und mit dem englischen Wort Care verwandt ist. Damit verweise der Karfreitag auf ein Thema, das heute vielleicht die größte gesellschaftliche Herausforderung darstellt – die ungelöste Frage der Care-Arbeit, also wie wir künftig all das organisieren wollen, wofür in neoliberaler Logik immer weniger Zeit und Ressourcen vorhanden sind: Pflegen, Putzen, Versorgen, Erziehen, Heilen, Betreuen, Kochen, Ausbilden.

Antje Schrupp: Begreifen, dass Gott tot ist. DIE ZEIT, 23. März 2016

Doch erst einmal zurück zur Ostergeschichte: Jesus war am Kreuz ausgesetzt: Dem Schmerz, dem Tod, aus der Welt herausgefallen zu sein – dem sozialen Tod; keine Bürgerrechte mehr zu haben – dem politischen Tod; ohne Lebensfunken zu sein – dem psychischen Tod; der Gottverlassenheit – dem geistlichen Tod und dem physischen Tod. Ostern erzählt die Geschichte, dass in dem Tod von Jesus etwas passiert: Dass Leid und Tod nicht der Abbruch von Beziehungen sein müssen, sondern dass Gott sich neu in Beziehung setzt mit dem toten Jesus und dass immer dann, wenn Gott sich in Beziehung setzt, Leben entsteht. Das heißt auch, dass das Leid, die Angst und der Tod nicht stumm bleiben müssen, nicht zu einer Isolierung führen müssen, sondern dass wir heute eine Kultivierung unseres menschlichen Ausgesetztseins, der Exponiertheit und Vulnerabilität ausmachen können, die besagt: Die Antwort auf Tod, Angst, Leid und Gewalt ist: Beziehung. Zum Anderen. Fürsorge. Für den Anderen. Die Hoffnung besteht nun nicht auf ein einfaches „Weiterleben“ nach dem Tod. Das würde den Tod trivialisieren. Sie besteht darin, dass wir hoffen, Gott möge sich neu zu uns in Beziehung setzen, wenn wir tot sind; dass die Geschichte von Jesus auch dort unsere Geschichte wird.

Vor Ostern bin ich durch einen Disput mit der neuen Ethik-Lehrerin an der Fachschule, die doch behauptet hatte, Ziel der Philosophen sei die Freiheit, wieder an die Ethik des Religionsphilosophen Emmanuel Levinas erinnert worden, dessen Denken gerade nach der Zeitmarke des 9/11 im Jahre 2001 eine Renaissance in der Philosophie erfuhr. Unser Leben, unsere Existenz ist ganz grundlegend bezogen auf den Anderen. Freiheit von oder Freiheit zu – muss auch immer gedacht werden in diesen komplexen Zusammenhängen des Einen und des Anderen. Levinas erklärt den Subjektivismus einer Philosophie der Freiheit, des Selbstbewusstseins und des Willens zu den Fehlentwicklungen der Philosophiegeschichte.

Was heißt nun aber dieses Mitfühlen, die Empathie und die Fürsorge für den Anderen für uns heute? Nicht nur für die – im Weltmaßstab – verschwindend geringe Anzahl von Christinnen und Christen, sondern für alle Menschen unserer multikulturellen und diversen Gesellschaft? Angesichts der Tatsache, dass Care, die Fürsorge für den Anderen eine wichtige Zukunftsarbeit ist und wird, sollte deren Nutzen für die Gesellschaft auch durch solche Anlässe wie das höchste Fest der Christen hervorgehoben werden. Klar ist natürlich auch, dass Carearbeit nicht mit der professionellen Pflege der Pflegekräfte verwechselt werden oder synonym verwendet werden sollte. Dieser Beruf der Pflege hat sich besonders in den vergangenen drei Jahrzehnten sehr stark professionalisiert, nicht umsonst wird Pflege seit drei Jahrzehnten auch akademisch vermittelt, um mit dem Niveau anderer hochentwickelter Industrieländer Schritt halten zu können.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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