Ein kurzer Text über die Freiheit

Anknüpfend an meinen Text zum Karfreitag und der Bedeutung der Ostergeschichte entstand dieser kurze Text über die Freiheit.

Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose

Janis Joplin, Me and Bobby McG

Drei Farben: Blau (1993)
Regie: Krzysztof Kieslowski

Drei Farben: Blau gehört zu meinen Lieblingsfilmen. Als Blau in die Kinos kam, absolvierte ich das Abitur im Abendgymnasium an der RoRo in Dresden (das Gymnasium Romain Rolland nahe dem Rosengarten, DD-Neustadt) und ich kann mich gut daran erinnern, wie sehr wir nicht nur von der brillanten Juilette Binoche in der Hauptrolle schwärmten, sondern den Film mehrmals zusammen im Kino anschauten und ich zum einen von der existenziellen Wucht dieses Films und ihrer intensiven Darstellung tief berührt war und zum anderen vom filmischen Credo und vom Leitmotiv des Films, komponiert von Zbigniew Preisner. Paulus erster Brief an die Korinther, das Hohelied der Liebe (1 Kor 13) ist das chorale Leitmotiv im Finale, geknüpft an die dominierende Farbe Blau.

Blau, Farbe der Liberté in der französischen Trikolore wird hier von Kieslowski zur Antithese geformt. Die Französin Julie verliert bei einem Autounfall ihren Ehemann und ihre kleine Tochter. Schwerverletzt versucht sie noch im Krankenhaus, sich das Leben zu nehmen. Es misslingt. Der Mitarbeiter ihres Mannes, Olivier, bringt Julie einen kleinen Fernseher ans Krankenbett, das Begräbnis wird im Fernsehen übertragen. Patrice, Julies Mann, war ein berühmter Komponist, der für „dieses große Fest Europa“ ein concerto grosso komponieren sollte. Neben seinem Sarg steht der kleine Kindersarg von Anna. Die Übertragung bricht ab, Bildrauschen. Eine Journalistin bedrängt sie im Krankenhaus und fragt nach dem Konzert. „Das gibt es nicht“, antwortet Julie und lässt die Frage der Journalistin offen, ob sie diese Musik komponiert habe.

Julie beauftragt einen Makler, den Landsitz zu verkaufen und das Geld ausschließlich für die Versorgung ihrer Mutter in einem Pariser Altenheim und für die Altersvorsorge ihrer Haushälterin und des Gärtners zu verwenden. „Und Sie?“ – Julie nimmt nur das Glasperlenspiel aus dem blauen Zimmer in einem Karton mit und sucht in der Anonymität von Paris eine Wohnung. Die Notenblätter, die sie im Arbeitszimmer ihres Mannes findet und jene bei der Editorin, welche die Notationen mit allen Instrumenten zur Partitur zusammengefügt hat, wirft sie in ein Müllauto. Radikal vernichtet sie alle Zeichen ihrer früheren Existenz.

Julie richtet ihre lichtüberflutete, renovierungsbedürftige neue Wohnung ein und befestigt als erstes das blau leuchtende Glasperlenspiel – das Blau, reflektiert durch ein paar Sonnenstrahlen, fällt in ihr Gesicht und funkelt. Ganz in der Nähe ist ein kleines Café, wo Julie täglich einen Kaffee und ein Eis bestellt. Dort kann sie allein und ungestört das Leben beobachten. Ein Flötenspieler, der gegenüber vom Café eine Melodie spielt, weckt ihr Interesse.

Blau: Kühlung, Heilung, Katharsis.

Im Schwimmbad dominiert kräftiges Nachtblau. Julie schwimmt mit kräftigen Schmetterlingstößen durch das Wasser und schließlich auf dem Rücken kraftvoll eine zweite Bahn. Wieder in ihrer Wohnung zurück, sieht sie hinter der Gardine, dass auf der Straße ein Mann von drei Männern verprügelt wird. Sie hört Schritte im Haus, Klopfen und Rufen des Mannes im Hausflur, schließlich an ihrer Wohnungstür. Sie ist unfähig, sich zu bewegen. Der Lärm verstummt. Als sie in den Hausflur tappt, wird durch einen Luftzug ihre Wohnungstür zugeschlagen und sie verbringt die Nacht auf der Treppe. So sieht sie die Nachbarn, die unter ihr wohnen: Eine junge Frau wohnt rechts und kratzt leicht an der Tür nebenan. Kurze Zeit später kommt ihr aus dieser Tür ein Mann in ihre Wohnung hinterher geschlichen. Er scheint die auf der Treppe sitzende Julie entdeckt zu haben, denn sein Blick geht nach oben und auch die junge Frau kommt noch einmal an die Tür und blickt ins Treppenhaus nach oben.

Am nächsten Tag klingelt eine Frau bei Julie an der Tür und will ihre Unterschrift als Mieterin für den Auszug der jungen Frau aus dem Haus. Julie weigert sich und verwehrt ihre Unterschrift. Auf dem Weg zum Café sieht sie den Flötenspieler am Boden liegen und fragt nach seinem Befinden.

„Man muss sich immer etwas bewahren“, antwortet er ihr. Die junge Frau, die unter Julie wohnt, bedankt sich bei ihr, dass sie die Protestaktion der Mieter nicht unterschrieben hat, denn dadurch kann sie im Haus bleiben. Julie sitzt wieder im Café, ihr Löffel spiegelt die Inneneinrichtung. Ein Auto hält an der Mauer gegenüber, der Flötenspieler wird von einer reichen Frau geküsst und setzt sich wieder an seinen Platz und spielt Flöte. Der Mitarbeiter ihres Mannes, Olivier hatte Julie wochenlang gesucht und sie schließlich nach einem Tipp im Café aufgespürt. Er vermisse sie. Julie hatte mit ihm eine Nacht auf einer alten Matratze im alten Landsitz verbracht, weil er sagte, dass er sie liebt. Gemeinsam hören sie die Melodie des Flötenspielers. Julie besucht ihre Mutter im Altersheim.
„Oh Marie-France!“.
„Nein, ich bin es, Julie, Ihre Tochter.“ Die Mutter schaut im Fernsehen Bungeejumping an. „Mir geht es wunderbar, es fehlt mir an nichts, ich habe einen Fernseher. Da sieht man die ganze Welt. Hast Du auch einen Fernseher?“ Im Fernsehbild wird gerade ein alter Mann nahe an einen Abgrund geführt, bis dieser schließlich mit einem Bungeeseil hinunterspringt. Die Mutter fragt: „Wolltest Du mir etwas über Deinen Mann oder Dein Haus erzählen? Oder Deine Kinder? Oder vielleicht über Dich?“
„Mamon … Mein Mann und meine Tochter sind tot. Ich habe kein Haus mehr.“
„Das haben sie mir erzählt.“
Julie: „Weißt Du früher … Da war ich glücklich … Sie haben mich geliebt und ich habe sie geliebt.“
Man sieht das Fernsehbild mit dem schlaffen Bungeeseil, der alte Mann kommt mit ausgebreiteten Armen (wie der Gekreuzigte) ins Bild geflogen, mittels Überblendung wird eine andere Kameraperspektive gezeigt, der alte Mann fällt (wie am Kreuz) in Richtung der Zuschauer.
„Mamon … Hörst Du mir zu …?“
„Ich höre Dir zu.“
Julie senkt den Blick: „Aber jetzt habe ich verstanden, dass ich nur noch eins tun werde: Nichts. Dass ich keinen Besitz mehr will, keine Erinnerungen, keine Beziehungen, keine Liebe, keine Bindung, keine Freunde. Das alles sind nur Fallen.“
„Hast Du genügend Geld, mein Kind, genug zum Leben?“
„Ich habe, was ich brauche.“
„Das ist wichtig. Man kann nicht auf alles verzichten.“
Julie nickt mechanisch.

Julie ist im Schwimmbad, doch nun dominiert nicht mehr das Blau in seiner strengen Kühle – die Wirklichkeit bricht immer mehr in Julies Leben ein. Lucile, die junge Hure, die unter Julie wohnt, tritt ans Schwimmbecken heran und bemerkt, dass Julie weint. „Das ist nur Wasser“. Lucile umarmt Julie und tröstet sie. In der Nacht ruft sie Julie an und bittet diese, in den Nachtklub zu kommen. Lucile entdeckte unter den Zuschauern ihren Vater.

„Auf wen kann ich mich jetzt noch verlassen?“

Sie entdeckt Julie im Fernseher. Julie erschrickt. Der Ex-Mitarbeiter ihres Mannes, Olivier sitzt mit der zudringlichen Journalistin im Fernsehstudio und erzählt, dass ihr Mann Patrice das concerto grosso begonnen hatte und er die Notationen besitze. Im Fernsehen tauchen Fotos einer jungen schönen Frau in Begleitung von Julies verunglückten Mann auf.

Julie sucht die Musikeditorin auf: Diese hat von der Partitur Kopien angefertigt und sie nach Straßburg geschickt. Olivier will nun das concerto grosso beenden. Zögerlich widmet sich Julie den Noten und einzelnen Instrumenten und arbeitet mit Olivier am Konzert. Sie fragt nach der Geliebten, deren jahrelanges Verhältnis Olivier bekannt war. Sie arbeitete als Rechtsreferendarin am Gericht. Julie sucht sie auf. Dabei gerät sie kurz in die laufende Verhandlung des Polen Karol aus Drei Farben: Weiß. Julie verfolgt die Geliebte von Patrice in die Toilette eines Restaurants. Dort wird klar, dass die Geliebte schwanger ist. Die Geliebte erzählt, dass sie bis zu dem Unfall von ihrem Umstand nichts wusste. Nun wird sie das Kind behalten.
Julie beauftragt den Makler, den Verkauf des Landsitzes rückgängig zu machen. Sie zeigt der schwangeren Geliebten die Räumlichkeiten und erklärt ihr, dass nun alles ihr und ihrem ungeborenen Sohn gehöre. Die Geliebte lacht. „Patrice hat viel von Ihnen erzählt. Dass Sie ein guter Mensch sind. Und dass Sie das aus freiem Willen sind.“

Julie ruft Olivier an und geht zu ihm. In einem Buch zeigt sie ihm die Verse für den Chor. Die Bilder im Finale gleichen einem Reigen: Olivier ist bei Julie, die blaugeflutet wie an einer Glasscheibe ertrinkt; der Junge, der den Unfall beobachtete und das Kreuz Annas betrachtet, das ihm Julie schenkte, stellt den Wecker aus; die Mutter, deren Erinnerungen verlorengehen, schaut in die Ferne; im Nachtklub starrt Cecile traurig in die Leere und die Geliebte sieht bei einer Ultraschalluntersuchung das entstandene neue Leben, den sich bewegenden Embryo. Im Finale singt nun erstmals der Chor die Verse zum vollendeten Musikstück:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Im Schlussbild weint Julie.

Dem Magier der Bilder und der Antithesen Krzysztof Kieslowski ist in Drei Farben: Blau ein brillanter Kontrapunkt zum angestrebten Ideal der Freiheit gelungen. In Juliette Binoches Spiel spiegelt sich die blanke Existenz und Not, Hoffnungslosigkeit des Verlustes und ihre Trauer ebenso wie die Fatalität, nicht beziehungslos leben zu können. Die Liebe zum Nächsten – auch das zeigt das Hohelied der Liebe und ebenso das Gesicht von Julie mit ihrer Trauer und ihrer Sehnsucht – sind der Kontrapunkt zur Freiheit, zur Beziehungslosigkeit. Würdevoll ist im Film auch die Figur der dementen Mutter mit ihren verlorengegangenen Erinnerungen, dort wo das Zungenreden aufhören wird und auch das prophetische Reden, überdauert die bedingungslose Liebe. Das Leben in Würde gilt ebenso für Menschen, die ihre Erinnerungen verlieren.

Das Blau im Schwimmbad: Julie wird hier von den Erinnerungen und ihrer Trauer heimgesucht; ohne Atemluft und im Wasser in Embryonalstellung treibend, übt sie das Sterben, dennoch treibt sie an die Oberfläche zurück und schnappt nach Luft. Ihr Lebenswille siegt.

Kieslowski packt – fast zeitlos – weltanschaulich interessante Themen an, ohne ideologisch eine Lesart vorzuschreiben – also sehr modern oder für damalige Verhältnisse postmodern. Deshalb schreibe ich von einer Dialektik, die zumindest ich bei ihm lese. Ich liebe seine manchmal rätselhafte Bildästhetik, seine Filmsprache. Und nicht zuletzt ist es spannend zu verfolgen, wie sein Weg als polnischer Filmemacher verlief, der nach der Wende vor allem im Ausland drehte: 1990 entstand „Die zwei Leben der Veronika“ und schließlich die Trilogie „Drei Farben“, die er in Frankreich, Polen und in der Schweiz drehte, finanziert von französischen Produzenten.
„Einen Hinweis für die Denkweisen polnischer Intellektueller können wir der Rede des Dramatikers Tadeusz Rózewicz an der Universität Warwick (1990) entnehmen: ‚Nach der Epoche der Gasöfen und Massengräber sollte der Mensch das kostbarste Gut auf Erden sein… Die Generation der Soldaten und Partisanen des Zweiten Weltkrieges tritt ab, betrogen und enttäuscht. Ich bin ein Dichter, so sagt man, doch ich bin vor allem der Dichter meiner Generation. Einer Generation, betrogen von Regierungen, Parteien, von Ideologien, von Glaubensrichtungen und durch sich selbst.'“ (Lutz Haucke)

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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