Hommage an Curt Bois

„Der Himmel über Berlin“ gehört zu jenen Filmen, die mich stark beeinflusst haben. Wim Wenders ist der Zauberer einiger wundervoller Roadmovies wie z.B. „Paris Texas“ und ließ sich 1987 von der damals noch geteilten Stadt Berlin zu diesem kunstvollen Schwarzweißklassiker inspirieren.
Wichtig eingangs zu betonen ist seine Zusammenarbeit mit Peter Handke. Und Wenders ist zuallererst von Orten fasziniert: Er ist ein Wanderer und Entdecker der Bilder, der Architektur als Topoi der Konzentration und Introspektion. „Für mich fangen Filme mit einem Ort an. ‚Himmel über Berlin‘ hat mit der Lust angefangen, in Berlin und in Deutschland zu drehen. Für mich sind die Geschichten und Orte untrennbar verbunden. Ich habe nur einmal einen Film auf der Grundlage einer Geschichte gemacht. Das war ein Fiasko.“


Wenders und Handke legten dem Film eine Art Filmgedicht zugrunde.

„Als das Kind Kind war,

war es die Zeit der folgenden Fragen:

Warum bin ich ich und warum nicht du?

Warum bin ich hier und warum nicht dort?

Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?

Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?“,

(Auszug aus „Das Lied vom Kindsein“ von Handke)


murmelt Engel Damiel, verkörpert von Bruno Ganz, wenn er durch die Straßen Berlins streift, begleitet von Engel Cassiel (Otto Sanders), den Gedanken und Gesprächsfetzen der Sterblichen lauscht und sich mit größer werdender Neugierde nach einer irdischen Existenz sehnt, immer empathischer deren Leidenschaften, Sehnsüchte, Kummer und Schmerz fühlend. Er verliebt sich schließlich in die schwebende Akrobatin Marion in einem kleinen Zirkus und tauscht seine geistige Existenz in die irdische ein – ab diesem Zeitpunkt kommt Farbe in die Bilder. Das ist allerdings nicht die Geschichte des Films, denn dieser Film hat keine Geschichte. Er ist vielmehr ein Erkunden der Orte dieser Stadt und ihrer Geschichte. Ein Umherwandern in Räumen, ein Erschließen von Urbanität.


Hommage an Curt Bois

Wichtige Bezugsperson und gleichzeitig eine Hommage an den großartigen Schauspieler Curt Bois ist dessen verkörperte Rolle des greisen Homer. Der im Jahr 1901 in Berlin geborene Curt Bois wurde bereits 1908 in Berlin zum Kinderstar (als singender Heinerle in der Operette „Der fidele Bauer“) und später zum Publikumsliebling in Berliner Kabaretts und Varietés, mit Chansons von Friedrich Hollaender und in Inszenierungen von Max Reinhard, Erwin Piscator, Heinz Hilpert und Victor Barnowsky. Vor den Nazis musste er 1933 fliehen und schaffte es, in Hollywood in Nebenrollen besetzt zu werden. 1950 nach Deutschland zurückgekehrt – der Kalte Krieg war schon im Gange – traf er in Ostberlin auf Bertolt Brecht, der ihn in der Hauptrolle des Puntila besetzte („Herr Puntila und sein Knecht Matti“) und er spielte bei Wolfgang Langhoff Gogols Revisor. Nach 1953 in den Westen gegangen, war er in Stücken Shakespeares und Molieres unter der Regie von Fritz Kortner zu sehen (weil Bois zuvor im Osten Theater gespielt hatte, wurde er im Westen boykottiert).
Curt Bois ist also Homer, der greise Erzähler, der im geteilten Berlin den Potsdamer Platz nicht mehr findet (eine riesige Brachfläche, Niemandsland stattdessen, siehe Foto 1), später in der Berliner Staatsbibliothek am Rande des Potsdamer Platzes verlorene Orte recherchiert, um sie mit seinen Geschichten bis zum Jahr 33 zu beleben. Beseelt wird die Architektur der Staatsbibliothek durch die gelesenen Gedanken der Besucher als flüsterndes Getuschel. So wie Wenders die Architekturen der Räume erkundet – mit schwebenden Kamerafahrten – ist filmästhetisch grandios (später in Peter Greenaways „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ sah ich vergleichbar spannende Kameraführungen). Und paradoxerweise ist der Potsdamer Platz aus dem Film, das Niemandsland gestern, heute einer der lost places – wie kaum ein anderer Ort in Berlin völlig verändert. Curt Bois hingegen ist von der Stadt vergessen worden: Sein Grabstein in Wilmersdorf wurde vor Jahren geräumt, keine Straße, kein Platz kein Ort nirgends erinnert an ihn.

Der Potsdamer Platz Ende der 1980er Jahre in Berlin ist heute verschwunden, ebenso wie die Erinnerungen an den Ur-Berliner Curt Bois.

Columbo alias Peter Falk

Eine weitere wichtige Bezugsperson im Film ist Peter Falk, der hier sich selbst verkörpert als berühmter Darsteller des Columbo und bei Dreharbeiten zu einem Film über die Nazi-Zeit in Berlin weilt. Und: Falk ist ebenso ein ehemaliger Engel, der das irdische Dasein vorzog.
Der geschichtliche Topos, die Nazizeit wird nahezu gespenstisch filmisch umgesetzt. Bei Taxifahrten durch die Straßen, Falk hat den unsichtbaren Cassiel an seiner Seite, findet man sich plötzlich in den Katakomben Berlins mit rauchenden Wehrmachtsoffizieren und wartenden Frauen und Kindern in Bunkern, Gedanken murmelnd und spielend. Dokumentarische Bilder der Zerstörung werden eingespielt, Bilder aus der Nachkriegszeit, in Farbe. Wer Bunker baut wirft Bomben bleibt stehen an der Fassade einer Ruine.

So war das Berlin der 1980er

Auch die Livemusik des Films ist vom Feinsten: Bei dieser zeigt sich Wim Wenders Faible für die Komposition verschiedener Künste im Film und seine Liebe populärer Musik. Die Artistin Marion (Engel Damiels Liebe) geht zu einem Konzert von Nick Cave and the Bad Seeds und den Bands Crime und The City Solution. Ich habe den Film in der Wendezeit um 1990/91 in Dresden gesehen und kann nur sagen: Das war einfach auch musikalisch und atmosphärisch der Sound dieser Zeit. So grandios in diesem Film eingefangen.

Nick Cave and the Bad Seeds


Nachtrag: Natürlich wollte Wenders auch im Osten drehen. Durch den damaligen DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann sei er auch zuvor dazu ermuntert worden, denn das Roadmovie „Paris, Texas“ von Wenders – als Vertreter des Neuen deutschen Films, ebenso wie Margarethe von Trotta oder Volker Schlöndorff – war in Studiokinos der DDR gezeigt worden. Bei Vorgesprächen vor den Dreharbeiten musste Wenders allerdings die Frage nach einem Drehbuch verneinen. Zudem sei dem Minister die Kinnlade runtergeklappt, als er hörte, dass zwei Engel, die durch Mauern gehen können, Protagonisten des Films seien. Dreherlaubnis gab es nicht, das war dem Minister dann zu heiß, erinnerte sich Wenders 2018 in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel. Es gab ein paar Szenen (4 insgesamt) aus dem Osten, die hatte ein befreundeter Kameramann heimlich aus seinem Kübelwagen heraus abgedreht und unter dem Rücksitz eines alten VW nach Westberlin schmuggeln lassen.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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