Care und Cure

Im Juni 2021 absolvierte ich mein klinisches Außenpraktikum im renommierten Bavaria Klinikum in Kreischa auf einer Station für Intensivrehabilitation des Querschnittsgelähmtenzentrums der Phasen B und C sowie einigen neurologischen Patient:innen. Das Klinikum Kreischa ist für seine vielfältigen Therapien auf diesem Gebiet bundesweit bekannt. Im Mittelpunkt steht die individuell auf den Patienten abgestimmte Therapie, um ihm einen bestmöglichen Einstieg in sein gewohntes Umfeld zu ermöglichen.

Wichtig sind hier beispielsweise die ATL, die „Aktivitäten des täglichen Lebens“, wozu u.a. das Essen, die Körperhygiene, das An- und Ausziehen, aber auch die Blasen- und Darmentleerung und die nötigen Transfers vom Bett in den Rollstuhl oder auf Toilette gehören. Patient:innen der Phase B sind noch akut mit der neuen Situation konfrontiert, die zumeist durch Traumata wie Unfälle oder durch Infektionserkrankungen verursacht wurde und beginnen diese Frührehabilitation im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt. Am Schluss dieses Beitrags sind die „Aktivitäten des täglichen Lebens“ nach dem Pflegemodell von Nancy Roper et al aufgeführt, Pflegepionier:innen wie Monika Krohwinkel, Antje Grauhan und Liliane Juchli haben diese ATL weiterentwickelt.

Eine Menge gelernt

So habe ich in diesem Monat sehr viel erfahren können über die klinische Behandlungspflege hinsichtlich Trachealkanülen (auch als Tracheostoma bezeichnet) und die Bronchialtoilette, das Absaugen von Sekreten; das Inhalieren (beispielsweise der „Münchner Lösung“); Blasenkatheter (sogenannte Zystofixe), Urinalkondome, PEG-Ernährungssonden für die  perkutane Endoskopische Gastrostomie (Magensonde); Infusionen; Beatmung von Patient:innen; Blasenspülungen; Anus praeter; die Wundversorgung unterschiedlichster Wunden und die Mobilisierung und Transfers mit Liftern bzw. Lifternetzen der Patient:innen in deren Pflegerollstühle.
Nach der ausführlichen Übergabe des Nachtdienstes an die Frühschicht ab 6 Uhr und den Tagesterminen der Patient:innen erfolgte nach dem Vier-Augen-Prinzip die sorgfältige Kontrolle der Medikation durch die Pflegefachkräfte, die durch den Nachtdienst gestellt wurde und die Vorbereitung des Pflegewagens inklusive BZ-Tablett, Blutdruckmessgeräten und dem Material für die Wundversorgung (Vorbereitung meint hier nicht das Auffüllen des Wagens, dies wird natürlich nach der Pflege mit gründlicher Desinfektion aller Gerätschaften und des Wagens vollzogen).

Damit Patient:innen ohne Sorge bezüglich unkontrollierten Stuhlgangs an ihren vielfältigen Therapien teilnehmen können, gehören Einläufe und das sorgfältige Entleeren des Darms zu den morgendlichen Aufgaben. Nach der gründlichen Grundpflege am Morgen – ganz individuell auf die Ressourcen der Patient:innen abgestimmt – können diese danach in Ruhe ihr Frühstück einnehmen: Auf dem Zimmer oder im Speisesaal gemeinsam mit anderen Patient:innen. Verantwortlich hierfür sind die freundlichen Servicekräfte des Hol-und Bringedienstes, die ebenfalls für die Begleitung zu Terminen zuständig sind sowie für das Essenreichen. Wichtig für die Tageskurve sind die Messungen der Vitalzeichen von Puls und Blutdruck, die gemäß der ärztlichen Anordnungen bei einigen täglich mehrmals erfolgen und bei anderen aller zwei Tage. Sind die Patient:innen gut versorgt, werden die Betten frisch gemacht; die freundlichen Reinigungskräfte reinigen alle Zimmer und die Hygienehelfer:innen füllen die Bestände in den Zimmern wieder auf, denn es gibt in allen Zimmern einen Pflegeschrank, in welchem Lagerungskissen, neue Bettwäsche sowie Handtücher und Waschlappen und das Material für die Wundversorgung sowie Katheter bereitstehen – das erspart Zeit und Kapazitäten bei der täglichen Pflege. Bei einigen Patient:innen ist durch die akute Situation, beispielsweise noch über PEG-Sonde ernährt und/oder über Trachealkanüle abgesaugt zu werden, eine sehr umfängliche Vollpflege wie in der Intensivpflege erforderlich, so dass die Fachkräfte auch am Vormittag in diesen Zimmern sehr stark gefordert sind, die Apparaturen zu überwachen.

Wundmanagement und Säure-Basen-Status (SBS)

Eine Wundschwester kümmert sich gesondert um einige Wunden – das alles erfolgt in enger Absprache mit der Stationsleitung und dem versierten Pflegepersonal und natürlich führen auch die verschiedenen Fachärzt:innen, Oberärzte und der Chefarzt bei den Patient:innen Visiten durch und sprechen dies mit der Stationsleitung ab. Dort – in der Stationsleitung – ist ebenfalls eine gut kommunizierende und fachlich versierte Arzthelferin im Team, die als wichtige Schnittstelle unterstützend neben vielen organisatorischen Dingen wie dem Management bei den Aufnahmen der Patient:innen den SBS, den Säure-Basen-Status des Blutes misst, der wichtig für die Bestimmung von metabolischen (Stoffwechsel) und respiratorischen Störungen (Lunge) ist und bei Abweichen von Normwerten auf Erkrankungen von Lunge, Nieren oder Herz hinweist. Gerade bei den beatmeten Patient:innen, die ja von dem Sauerstoffgerät entwöhnt werden sollen, ist dieser Test erforderlich.

Umfassende Dokumentation

Sehr wichtig ist schließlich die umfassende Dokumentation des Allgemeinzustands der Patient:innen sowie der durchgeführten Pflegemaßnahmen aufgrund ärztlicher Anordnungen – alle Maßnahmen und erfassten Vitalzeichen, Ein- und Ausfuhr, Veränderungen der Medikation, Lagerungen (bzw. Positionierungen) usw. Das alles wird in der Tageskurve dokumentiert. Der Spätdienst schließlich übernimmt nach der umfangreichen und präzisen Übergabe des Frühdienstes alle Änderungen am Nachmittag und bereitet die Tageskurve für den nächsten Tag vor, die schließlich in der Patientenakte eingeheftet wird. Für das Wundmanagement, das am Morgen nach der Grundpflege durchgeführt wird, gibt es auf dem Pflegewagen einen gesonderten Dokumentationsordner, wo alle ärztlichen Anordnungen zur Wundversorgung bei den Patient:innen aufgeführt sind.

Guter Spirit

Für mich war es ungemein bereichernd! In einer sehr guten und zugewandten Atmosphäre von aufgeschlossenen Menschen – zumeist GuK und Altenpfleger:innen – und eloquenten Pflegefachkräften, bei denen ich über die Schulter schauen konnte, machte die Arbeit großen Spaß und war abwechslungsreich. Gleiches traf für die Patient:innen zu: Mit großem Elan meisterten sie ihre neue Lebenssituation und freuten sich über jedes Zeichen hin zu mehr Selbständigkeit – dem Ziel der Rehabilitation. Care and Cure ist mir dabei bewusster geworden.
Auch im Haus selbst, gelegen in einem großzügig gestalteten Barockgarten, gab es einen sehr guten und höflichen Umgangston: Unabhängig von den unterschiedlichen Gewerken – ob Therapeuten, Pflegepersonal, H&B-Dienst, Ärzt:innen – ist der Teamspirit der Bavarianer:innen gut spürbar.

Nur die Mash war sooo 1970er…

Mitten auf dem Arbeitsweg an einem Frühschichtsonntag, also mitten an einer Ampelkreuzung am Uni-Campus ging mein Motorrad aus und nicht mehr an. Schön blöd sowas.
Durch den enggetakteten Dienstplan – und im Frei habe ich ja noch die Arzttermine von Sora zu bewältigen und die Carearbeit – kam ich auch nur stundenweise dazu, nach dem Fehler zu suchen.
Elektrik ist einfach tot. Batterie mehrmals aufgeladen, destilliertes Wasser nachgefüllt, Sicherungen gewechselt, mit dem Multimeter Amperestunden, Volt und Ohm gemessen und schon mal bei „Praktiker“ nach Batterien Ausschau gehalten, sowie alle Kabel nach Brüchen untersucht: Alles bisher Fehlanzeige. Nun werde ich am Zündschloss weitersuchen.
Aber so kam ich in den Genuss, die Öffentlichen zu nutzen, um nach Kreischa zu gelangen. Das kostete 3 Stunden pro Tag extra. Ich stand 3:30 Uhr am Morgen auf, um eine Stunde später mit dem Fahrrad zum Weberplatz zu wackeln und dort werktags 4:53 Uhr in Bus 66 zu steigen, um vom Kaufpark Nickern 5:14 Uhr mit dem Bus 86 schließlich kurz vor halb 6 am Klinikum einzutreffen. Dann galt es noch, per pedes einen Berg zu erklimmen (ab diesem Zeitpunkt war ich endgültig wach). Am Wochenende ist der Fahrplan noch schlimmer: Ich fuhr mit dem allerersten Bus 66 am Samstagmorgen um 5:03 Uhr los und war einmal – weil der Busfahrer der 86 erstmal alle Fahrscheine am Sonntag beim Einstieg kontrollierte und so schon zu spät eingetroffen war – erst nach 5:45 Uhr in dem Umkleideraum, der gerade nass gewischt wurde. Nun ja, passiert, aber ist arbeitsorganisatorisch verbesserungswürdig.


Es ist also kein Wunder, dass viele Mitarbeiter:innen aus Dresden kommend das Auto bevorzugen. Auch zur Spätschicht waren die Linien nicht besser getaktet: Der Bus 86 fuhr erst 22:22 Uhr, so dass ich kurz vor 23 Uhr mein Fahrrad am ehemaligen Sitz unseres Instituts für Kommunikationswissenschaft am Weberplatz aufschloss und nach Hause rollte.
Mit dem Motorrad brauchte ich höchstens 20 Minuten am Morgen, nur im Nachmittagsverkehr in der Rush hour konnte sich der Fahrtweg auf bis zu 45 Minuten zusammenläppern. Das soll kein Jammern sein, sondern eine schlichte Darstellung von Realität. Wenn Öffis besser sein sollen als der MIV, dann muss sich was ändern, denn auch der Preis war erheblich teurer: 4,50 Euro pro Fahrt, da kurz vor Kreischa die zweite Tarifzone des VVO beginnt. Für schlappe 15 Kilometer wohlgemerkt. Und last but not least das letzte Mimimi: Dresdner Busse der 66 haben kein AC, obwohl vom Landesministerium für Arbeit und Wirtschaft gefördert, der VVO-Bus schon. Das ist für Berufspendler:innen an heißen Tagen doof, noch dazu bei Schichtarbeit.

In Kurzform einige neue Abkürzungen, die ich gelernt habe: SBS (Säure-Base-Status) – UTK (Tracheastoma) – SPF (Zystofix) – ISK (Selbstkatheterisierung) – IFK (Katheterisierung PK) – SK (Sprechkanüle) – AP (Anus praeter) – ZFRW (Zentrum für Rehabilitation und Wunden) – VW (Versorgung Wunde) – DK (Dauerkatheter)
Und natürlich für mich neue Krankheitsbilder, wo ich nun meine Bildung weiter intensiviere.

Differenzierungen bei Querschnittslähmung: bei der inkompletten Querschnittlähmung sind Teile des Rückenmarks beschädigt und nicht alle Nervenbahnen betroffen. Bei der kompletten Querschnittslähmung ist das Rückenmark in Gänze zerstört.
Tetraplegie: Lähmung aller vier Extremitäten (Schädigung in der Halswirbelsäule)
Paraplegie: Lähmung der Beine (Schädigung im Bereich der Brust- und/oder Lendenwirbelsäule)

Für die professionelle Pflege spielen „Die zwölf Aktivitäten des täglichen Lebens“ (ATL) nach dem Pflegemodell von Nancy Ropers „activities of daily living(adl) eine wichtige Rolle.

Die zwölf Aktivitäten des täglichen Lebens

Ruhen und schlafen
Krankenbett täglich oder wenn nötig erneuern und säubern
Positionierung der Patienten
Nutzen von Lagerungshilfsmitteln
Beobachtung des Schlafes

Sich bewegen
Dekubitusprophylaxe durchführen
Kontrakturprophylaxe durchführen
Bewegungsübungen (aktiv, assistiv, passiv)
Thromboseprophylaxe durchführen
Mobilisation und Krankengymnastik

Sich waschen und kleiden
Hilfe beim An- und Ausziehen
Hilfestellung und komplette Übernahme der Körperpflege
Parodontitisprophylaxe durchführen
Beobachtung der Haut

Essen und trinken
Beobachtung von Körpergewicht und Körperlänge
Hilfeleistung beim Essen und Trinken
Kostformen patientengerecht bestimmen
Aspirationsprophylaxe
Ernährungssonde und Sondenkost

Ausscheidung
Obstipationsprophylaxe
Beobachtung von Urin, Stuhlgang, Erbrechen
Inkontinenzversorgung
Darmeinlauf

Regulierung der Körpertemperatur
Beobachtung der Körpertemperatur
Pflege bei Fieber

Atmen
Beobachtung der Atmung
Pneumonieprophylaxe
Inhalation
Kontaktatmung durchführen

Für Sicherheit sorgen
Verhütung von Gefahren
persönliche Hygiene
Umgang mit Medikamenten und mit Sterilgut
Verhütung von nosokomialen Infektionen

Sich beschäftigen
Ergotherapie und Physiotherapie
Rehabilitation

Kommunizieren
mit Patienten, Angehörigen und innerhalb des Pflegeteams
Dienstübergabe
Visite

Sinn finden
Angstbewältigung
Besinnungstage und Meditationen
Beobachtung von Schmerz und Schmerzbewältigung
Begleitung Sterbender

Sich als Mann oder Frau fühlen
Intimsphäre schützen
Veränderung durch Medikamente

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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