Es ist an der Zeit

Heute am 17. Juli ist der internationale Tag der Gerechtigkeit, erinnerte mich heute morgen facebook an einen Thread am 17. Juli 2016 – zwei Tage nach der Hochzeit von Lien und mir in Ho Chi Minh Stadt. Anlässlich dieses Tages hatte ich von der renommierten israelischen Soziologin Eva Illouz, die in Israel und Frankreich lehrt, ein Zitat aus ihrem Essayband „Israel“ gepostet. Eva Illouz hat noch nie einen Hehl daraus gemacht, Linke, Sozialistin und liberal zu sein. Durch ihre Heimaten in Israel, Frankreich und Marokko ist sie weltoffene Kosmopolitin, die auch in Deutschland gelehrt hat – vor zwei Jahren in Bielefeld – und, das sollte immer wieder erwähnt werden, von der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter die zwölf Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen weltweit gewählt wurde, die wahrscheinlich das Denken der Zukunft verändern werden. Das war 2009. Im Jahr 2015 bin ich ihr leibhaftig begegnet (sie stand neben mir) bei dem Taz lab der Tageszeitung in Berlin, wo sie den Essayband vorgestellt hat („Wie viel Gefühl verträgt eine Gesellschaft, die nach Gerechtigkeit strebt?“). Ich habe alle ihre Bücher gelesen – sie schreibt über Gefühle im Kapitalismus, Liebe, Romantik, Familie, Medien, Konsum, Glück – mein Denken hat sie verändert. Hoffentlich findet die gesellschaftliche Linke auch in Deutschland für die Zukunft die Kraft, Gesellschaft zu gestalten, zum Beispiel in einer Mitte-Links-Regierung, das bleibt weiterhin meine Hoffnung. Es ist an der Zeit. Das zeigen die aktuelle Umweltkatastrophe in Deutschland ebenso wie die akute Ausbreitung von Corona in ärmeren Ländern, ohne ausreichend Impfstoffe für deren Bevölkerung. Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Und nicht nur bis zum eignen Tellerrand zu schauen, sondern darüber hinaus und den Blick nicht zu verlieren für die Anderen und für das andere.

Angesichts der langen Prozession von Leuten, die ungehindert Lügen verbreiten, sollten wir uns erinnern, wofür die Linke steht. Historisch ist es die Linke – und nicht die Rechte -, die uns wirksame Mittel an die Hand gegeben hat, um Gesellschaften neu zu denken und real zu verändern. Die Linke ist eine große Familie mit vielen Geschwistern, die ein Spektrum von Anarchismus über den Marxismus bis zur Sozialdemokratie abdeckt. Trotzdem verfügt diese weitläufige kakophone Familie über zwei Hauptzweige: den Liberalismus (der die Grundrechte und -Freiheiten des Menschen verteidigt) und den Sozialismus (der Mechanismen zur Herstellung von Verteilungsgerechtigkeit ersinnt). Die Unterschiede zwischen den diversen linken Strömungen drehen sich um die Frage, welches Gewicht man jeweils der Freiheit oder der Gleichheit beimisst – in den Vereinigten Staaten sind die meisten Linken liberal, während Europa historisch für eine Verbindung von Liberalismus und Sozialismus steht. Dieser Unterschiede ungeachtet zeichnet sich die Linke jedoch durch einen einzigen starken moralischen Kern aus, der sich in einem Wort zusammenfassen lässt: Universalismus – die Überzeugung, dass Menschen, wenn wir von ihrer Religion oder sozialen Klasse absehen, gleich sind und vergleichbare Freiheiten und Ressourcen genießen sollten. Diese moralische Überzeugung hat die gewaltige Matrix, die wir Moderne nennen, mit ungeheurer Kraft geprägt.

Aus: Eva Illouz, Israel. Soziologische Essays, erschienen bei suhrkamp 2015, S. 197 f.

Ich weiß um die Problematik, dass gar nicht mal so klar ist, was in dieser Tradition als links interpretiert wird: Das erlebte ich erst kürzlich, als ich dieses Zitat erneut und fünf Jahre später in facebook postete. In Deutschland gibt es schließlich mindestens fünf Parteien, die für sich proklamieren, eine „Partei der Mitte“ zu sein (Ich denke dies tun SPD, Grüne, CDU, FDP und ebenfalls die AfD). Nur dass es diese „MITTE“ als scharf abgrenzbaren definitorischen Topos gar nicht gibt: Nur als Ableitung und in Abgrenzung von links oder rechts. Dabei bleibt unklar, ob hierin der sozioökonomische Status oder der kulturelle oder gar der weltanschauliche Status zählt. Dem einzigen, dem ich abnehme von „Mitte und Maß“ zu schreiben, ist mithin Prof. Herfried Münkler und auch dieser betont in seinen Exkursen durch die Genese der Begrifflichkeiten, dass „in Städten, die von ihrer sozioökonomischen Struktur her zu den Extremen tendierten, die Mitte durch die limitierte Vergabe des Bürgerrechts gestärkt werden [müsse]“, so grenzte bereits Aristoteles die politische Ordnung der Antike gegen die Extreme ab. Keinesfalls verband Aristoteles mit dem Streben nach der Mitte das Mittelmaß, sondern er nutzte das sehr anschauliche Beispiel des Bogenschützen, der, um mit Pfeil und Bogen die Mitte zu treffen, komplexe Bedingungen wie das Gewicht des Pfeils, Windrichtung, Entfernung einkalkulieren sollte und vor allem zunächst über das Ziel hinausschießen muss.

Das Ethos der Mitte entbindet den Menschen nicht von der Pflicht, nach Höchstleistungen zu streben, vielmehr ist es selbst ein Höchstes.

Herfried Münkler, Mitte und Maß. Der Kampf um die richtigen Ordnung, S. 83

Und weil auf twitter von Konservativen der moralische Zeigefinger erhoben und auf die Verbrechen im Stalinismus und die Verbrechen der Roten Khmer verwiesen wurde: Nein, diese Verbrechen sind unvergessen und müssen das auch bleiben als Erinnerung für totalitäre Regime bzw. Diktaturen mit geschlossenem menschenverachtendem Weltbild. Die Pervertierung einer einst emanzipatorischen Idee. Mit Demokratie und Sozialismus hatte das nichts zu tun.

Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

Immanuel Kant

Ein weiterer Kritikpunkt ist der Einwurf, dass der Liberalismus als Ideologie wohl kaum mit links vereinbar ist, weil er die Herrschenden stützt und ebenso den Kapitalismus. An dieser Stelle muss ich Eva Illouz verteidigen und erinnere an den Beginn der Moderne mit der Französischen Revolution und nach Aufklärung oder in deren Rahmen im 19. Jahrhundert an den Vormärz, die Julirevolution 1830 in Frankreich, die deutsche Revolution 1848/49 und die revolutionären Umtriebe in deutschen Landen. Alles unvollendet, ich weiß. Zerklüftet, fragmentiert, schließlich erstickt. Auch die Novemberrevolution 1918. Waren das wirklich alles nur Linke, die von dem revolutionären Fieber, dass sich was ändern muss, angesteckt wurden? Nö, es waren vor allem auch die Freiheitsideen des Liberalismus.

Eva Illouz meint im Grunde den republikanischen Gedanken des Citoyen (nicht des Bourgeois), den im vergangenen Jahr Achim Wesjohann, Geschäftsführer der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen im Sächsischen Landtag in sehr empfehlenswerten Blogbeiträgen auf seinem Blog „Wesjohanns Worte“ (AT) beschrieb (Freiheit statt Liberalismus I; Freiheit statt Liberalismus II; Republikanismus; Rechts wo das Herz nicht schlägt; Zugehörigkeit; Tugend; Agenda). Denn Liberalismus wird auch immer wieder neu dekliniert.

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will

Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau folgte Aristoteles bezüglich dessen politischer Vorstellungen über das Gemeinwesen und schrieb im Contrat Social, dass ein Staat auch nicht zu groß sein dürfe, um gut regiert zu werden, denn je größer der Staat, desto mehr nehme die Freiheit ab. Als soziale und moralische Voraussetzungen der Demokratie formuliert Rousseau zum ersten, dass der Staat klein sein müsse, um das Volk zu versammeln, zum zweiten müsse es eine große Biederkeit der Sitten geben und zum dritten eine möglichst große Gleichheit in Stand und Vermögen, einer sozialen Mitte.

Denn entweder ist der Luxus die Folge von Reichtum, oder er macht ihn notwendig. Er verdirbt den Reichen wie den Armen, den einen durch Besitz und den anderen durch Habgier.

Jean-Jacques Rousseau, Politische Schriften, S. 129 – zitiert nach Herfried Münkler, Mitte und Maß. Der Kampf um die richtigen Ordnung, rowohlt, S. 89

Sicherlich fallen den meisten aktuell Liberale a la FDP mit Sprüchen a la „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und Eigenverantwortung und SUV vor dem Eigenheim auf der grünen Wiese ein – also dem Typus des egoistischen Eigennutzes statt der Verantwortung für Gesellschaft und das, was man gemeinhin als Gemeinwohl bezeichnet. Ich denke, man darf hier nicht dem Zerrbild des grassierenden Neoliberalismus‘ der vergangenen 30 Jahre anheim fallen. Auch Eigentum und Kapitalismus sind bei liberalen Ökonomen kein untrennbarer Trugschluss und seit Judith N. Shklars Schriften zum Liberalismus (Liberalismus der Furcht, Der Liberalismus der Rechte) sind auch neue liberale Lesarten bekannt geworden neben den gängigen des Wirtschaftsliberalismus a la Hayek und Friedman. Shklar, 1939 mit ihrer Familie vor den Nazis aus Lettland nach Kanada emigrierte Jüdin, vermochte es in ihren Schriften, den Liberalismus vier unterschiedlicher Denktraditionen zu beleuchten – wie zuvor den Liberalismus der Furcht angesichts totalitärer Diktaturen in ihrer wohl bekanntesten Schrift aus dem Jahr 1989.

In unserer Zeit hegt der Liberalismus der Furcht größere Erwartungen als nur die Forderung nach „Frieden um jeden Preis“. Er steckt sich höhere Ziele. Er will nicht nur die Beseitigung des Terrors, sondern auch die Einhegung aller Quellen vermeidbarer Furcht, dabei immer darauf bedacht, die persönliche Freiheit aller zu vergrößern. Er setzt seine Hoffnung darein, eine Gesellschaft zu errichten, in der ein jeder sein Leben zu führen vermag ohne Einschüchterung von öffentlichen oder privaten Akteuren fürchten zu müssen.

Der Liberalismus der Furcht neigt infolgedessen dazu, die Verringerung jeder Form von sozialer Ungleichheit zu unterstützen. Ohne im Mindesten einen Zustand völliger Gleichheit anzustreben, sucht er solche Ungleichheiten

einzudämmen, die die Macht effektiver Bedrohung in die Hände einiger Weniger legen. Jegliche Konzentration gesellschaftlicher Macht, die Menschen der Furcht aussetzt, ihrer Anstellung, Gesundheit und Bildung beraubt zu werden, ist abzulehnen.
Dies ist ein Liberalismus, der weniger egalitär als antimonopolistisch ist, und in der Tat war dies für viele Jahrhunderte eine seiner charakteristischen Eigenschaften.

Judith N. Shklar: Der Liberalismus der Rechte, Matthes&Seitz, S. 35f.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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