Adieux au Proletariat? Working class reloaded

Vor einigen Monaten stellte ich im Blog das Buch „working class“ von Julia Friedrichs vor. Durch eine Rezension auf der Internetplattform Soziopolis vom Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) an der Georg-August-Universität, Berthold Vogel, kam ich heute wieder auf dieses Thema.

Vogel hat exakt die sehr explizite Kritik von Julia Friedrichs an die Adresse der Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Medien und Gewerkschaften, die mithin in den vergangenen 30 Jahren die heutigen Rahmenbedingungen für nachfolgende Generationen gestalteten, völlig ignoriert und so zurückgewiesen. Stattdessen reduziert er Friedrichs Buch auf das Kapitel Corona-Pandemie und repetiert ein ums andre Mal seit Jahren gut gemeinte Allgemeinplätze:

„Die Risiken und die negativen Folgen der Pandemie verteilen sich eben nicht nach den Schnittmustern der alten Klassengesellschaft. Hier ist Forschung und Expertise gefragt, denn nachdem wir in der Covid-19-Krise alle unsere virologischen Grundkurse besucht haben, ist jetzt soziologische Sensibilität gefragt, die dabei helfen kann, eine neue Wertschätzung gesellschaftlich notwendiger Arbeit zu formulieren, Solidarität und Gemeinwohl als Leitprinzipien der Gesellschaftsgestaltung zu stärken und die Frage anzugehen, welche öffentlichen Güter wir künftig benötigen, um den Anforderungen der gesellschaftlichen Zukunft gerecht werden zu können.“

Berthold Vogel

Für jedes Sätzchen einen Euro ins Phrasenschwein. Mich macht das wütend. Vor ein paar Tagen las ich von verschiedenen linken Intellektuellen eine Facebook-Diskussion über einen Beitrag zur „verbindenden Klassenpolitik“, ein ebenfalls in meinen Augen eher fragwürdiges Konstrukt der neuen Linken eine neue Taktik zu probieren auf einem Weg ohne Strategie und wo der Kompass verloren ging. Man suche das verlorene Subjekt der Arbeiterklasse, das sich störrisch verweigert und versuche es nun, mit Zwischenklassen zu verbinden, nämlich mit der eigenen gut gebildeten aus ehemals aufgestiegenen Familien, also dem bildungsbürgerlichen Kleinbürgertum und der lohnabhängigen Mittelklasse.

Also Teilen davon, jeweils. Nur jenen, die sich solidarisieren wollen, natürlich. Klingt alles ein bisschen hilflos und mehr nach Wünschdirwas oder Suchesdiraus anstatt nach Analyse. Und verdammt, die letzte soziale Bewegung ist auch schon wieder vor 16 Jahren eingeschlafen und war Folge der Agenda 2010-Politik.

Trostlos. Und nicht zu vergessen: Der Sozialkonservatismus.

Seit je hat die Arbeiterklasse einen eigenen Leistungsbegriff, dass man sich Respekt, Selbstrespekt und den Anspruch auf Einkommen durch Anpacken und die Bereitschaft verdient, die eigenen Fertigkeiten weiterzuentwickeln. Durch Disziplin und Selbstdisziplin. Einerseits gab es nicht nur das egalitäre Ideal, sondern regelrechte egalitäre Instinkte, andererseits das Bewusstsein für feine Unterschiede. Hier­archien fanden durchaus Akzeptanz. Annie Ernaux vermochte es, dies in ihren Romanen plastisch zu beschreiben.

Staatliche Gelder für Arbeitslose, chronisch Gescheiterte oder „die Armen“ waren weniger akzeptiert als in bürgerlichen Schichten. Für Arbeiter:innen waren Arme Leute aus der eigenen Umgebung, die sich primär dadurch von ihnen unterschieden, dass sie sich weniger anstrengten oder es an Disziplin vermissen ließen. „Ich stehe ja auch sehr früh morgens auf und mache einen Job, der eigentlich eine Qual ist – warum soll der andere eine Unterstützung bekommen, nur weil er sich diese Qual erspart?“ Gerade wer harte Arbeit leistet, will nicht, dass andere „auf meine Kosten leben“. Seitdem ich seit 2019 die Pflegeausbildung absolviere, höre ich oft diese Argumente.

Der österreichische Journalist Robert Misik schrieb vor zwei Jahren über die falschen Freunde der arbeitenden Klassen, denn homogen war diese nie:

Wer gehört heute dazu? Die Arbeiter bei Mercedes in Stuttgart oder bei MAN in Nürnberg. Die Köche in unserem Lieblingsrestaurant. Die Kindergärtnerin. Verkäufer im Supermarkt, die Frauen, die die Regale auffüllen. Das Pflegepersonal im Spital. Der Mann, der unsere Heizung wartet. Die Beschäftigten am Bau, vom Maurer bis zum Polier. Der Mechatroniker im mittelständischen Exportunternehmen. Die Leute von der Müllabfuhr und die Busfahrer. Der Lehrer in der Grundschule. Die junge Frau im Call-Center. Die Technikerin bei der Mobilfunkfirma. Die Burschen, die die elektrischen Tretroller einsammeln und aufladen. Die Programmierer und Designer, die stundenlang im Büro hinter dem Computer sitzen. Die prekäre Datenverarbeiterin. Der Azubi. Der Lkw-Fahrer. Die junge Teilzeitkraft im Fast-Food-Restaurant. Gabelstaplerfahrer. Dachdecker. Die Leute vom E-Werk, die die Leitungen legen, die Frauen und Männer von der Telekom, die das Breitband in den Häusern hochziehen. Die Paketschupferin bei Amazon. Die Zugbegleiterin bei der Deutschen Bahn. Der Monteur mit Eigenheim. Der Erntehelfer. Die Ganztagespflegerin aus Bulgarien. Der arbeitslose Fiftysomething, der in seiner dritten sinnlosen Umschulungsmaßnahme steckt. Der Prekäre, der sich durchkämpft.

Robert Misik, Die alten und neuen Arbeiterklassen
Industriekultur und Strukturwandel in den vergangenen 50 Jahren
https://www.kulturrat.de/themen/heimat/industriekultur/die-alten-und-neuen-arbeiterklassen/2/

Robert Misik zählt eine sehr breite Vielfalt auf, in der ich mich, meine Frau und meine Kolleg:innen wie auch deren Familien wiederfinde. Braucht man hierfür ein Soziologiestudium? Wohl nicht. Als Journalist geht Misik natürlich nicht analytisch vor und zählt hier verschiedene Gruppen, eben auch dem Kleinbürgertum und der Mittelklasse zugehörig, auf. Hans-Jürgen Urban, der in den Nullerjahren den schönen Begriff der „Mosaiklinken“ kreierte, schrieb in einem Beitrag, dass sich nicht die arbeitenden Klassen aufgrund der Strukturkrisen auflösten, sondern wandelten (von der fordistischen Industriearbeit zum Postfordismus und zur Dienstleistungsgesellschaft beispielsweise). Auch gut. Und wenn also der Autobauer am Band in Stuttgart mit seinen 4.000 Euro Netto (oder noch mehr) heimgeht, dann verdankt er dies auch einer ungemein starken IG Metall und dem Organisationsgrad in seiner Fabrik. Und der Automarke. Und kann womöglich so eine Familie gut ernähren als Alleinverdiener, so wie das in der aufstrebenden Nachkriegsmoderne nach den 1950ern erstrebenswert war oder wie Helmut Schelsky sie nannte: Nivellierte Mittelstandsgesellschaft.

Gut, also der Autoschrauber aus dem Ländle fällt raus. Bleiben trotzdem noch genügend andere. Wir arbeiten 40 bzw 48 Stunden pro Woche mit Drei Schichten und Wochenendarbeit in systemrelevanten Bereichen mit hoher Verantwortung und zugleich hoher psychischer und physischer Belastung. Und wir müssen Sorge für unsere Kinder tragen und hatten in den Lockdowns neben der Carearbeit auch im Homeschooling einen sehr hohen Mehraufwand in der schulischen Ausbildung. Nicht zuletzt sei noch daran erinnert, dass die Sorge um die Gesundheit für Menschen in der Pflege eine dreifache Gefährdung darstellen: Die Gesundheit der Pflegebedürftigen, die Gesundheit der Familienangehörigen und die eigene Gesundheit.

Es wurde in den vergangenen Monaten schon sehr viel geschrieben zum starken und ungerechten Gefälle der Bezahlung in Pflegeeinrichtungen und zwischen Ost und West (siehe auch im Blog). Gerade heute twitterten einige Pflegefachkräfte aufgrund des angedrohten Bahnstreiks der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL), dass diese Gewerkschaft plastisch zeige, woran es der systemrelevanten Pflege immer noch mangele: Der Organisiertheit, einer starken Solidarität und auch Mut. Schaut man sich ca. sechs Wochen vor der Bundestagswahl 2021 #btw21 die politischen Vorhaben an, so sind die steuerlichen Entlastungen für Einkommen bis 6.500 Euro für Leute wie Dich und mich richtig. Findet man bei der Linken. Auch der Spitzensteuersatz kann auf 53 Prozent erhöht werden, denn Helmut Kohl war sicher vieles, aber nicht links. Und dass Einkommensmillionäre ab dem ersten Euro über 1 Million an die öffentliche Hand 75 Prozent zahlen sollen, kann wiederum zur besseren finanziellen Unterstützung (mit fiskalischen Mitteln) der Pflege, der Bildung und der öffentlichen Daseinsvorsorge eingesetzt werden.

In Amerika wurde es übrigens erreicht, dass an Unis prekär arbeitende Intellektuelle gemeinsam mit den Servicekräften von McDonalds für deren Mindestlohn von 15 Dollar demonstrierten. Unvorstellbar in Deutschland. Aber hier werden ja auch salbungsvolle Beiträge wie jener von Berthold Vogel geschrieben, als Antwort auf ein Buch, das ebensowenig Aufmerksamkeit erfährt; dafür gibt es die Salons, die Feuilletons und ab und zu einen Beitrag auf einer Internetplattform.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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