Zukunft der Pflege

Das dritte und letzte Ausbildungsjahr beginnt und damit steigt bereits das Lampenfieber bezüglich der staatlichen Prüfungen im kommenden Jahr, beginnend im Juni 2022. Am 01. September 2022 findet schließlich der letzte Schultag statt, an welchem dann hoffentlich (dreimal auf Holz geklopft) ein Zeugnis mit guten und sehr guten Noten den Schlusspunkt der Ausbildung bilden wird. Erst mit diesem Zeugnis, mit einer erneuten ärztlichen Untersuchung und einem erweiterten polizeilichen Führungszeugnis kann für Gesundheitsfachberufe in Leipzig beim Kommunalen Sozialverband Sachsen (KSV Sachsen) die berufliche Anerkennung beantragt werden. Die Bearbeitungsfrist soll ca. vier Wochen betragen.

Aktuell liegt eine 7 Tage-Arbeitswoche hinter mir mit fünf Früh- und zwei Spätdiensten und nun die Arbeit in einem neuen Bereich seit vorigem Wochenende. Für die liebgewonnenen Kolleginnen und Kollegen hatte ich deshalb zum Teamgespräch Frühlingsrollen mitgenommen – diesmal zubereitet von Lien und Sora, als ich am Wochenende arbeiten musste.

Hinzugelernt habe ich vor allem durch die Praxisanleitungen, die Pflegegrade waren höher als im 1. Ausbildungsjahr, es gab mehr Behandlungspflege bezüglich der Wundversorgung von Dekubiti und auch ab und an eine PEG und Katheter zu versorgen. Bezüglich dem Setzen der Medikation, pharmazeutischem Wissen bei Krankheitsbildern und Erscheinungsformen demenzieller Erkrankungen speziell von Alzheimer habe ich einiges gelernt. Neuland war für mich das Insulinspritzen. Während ich gar keine Probleme damit habe, mich selbst sicher intramuskulär zu spritzen, war doch die subkutane Injektion bei Patient:innen mit einem gewissen Respekt bzw. einer Demut verbunden, die anfangs Überwindung kostete. Hier kommt die Sicherheit durch die Routine.

Ab Ende November 2020 arbeitete ich im Corona-Quarantänebereich und es galt, die Gefährdeten bestmöglich zu schützen und gut zu versorgen (Zimmerversorgung) bei gleichzeitig stetig wachsender Gefahr der eigenen Ansteckung sowie der Kompensierung der Ausfälle krankgewordener Kolleginnen und Kollegen. Die zuständige Behörde, das Gesundheitsamt Dresden war zu dieser Zeit (Anfang Dezember 2020) völlig überfordert und versagte. Ich habe mich durch die Arbeit angesteckt und nun mit der Corvid19-Impfung im Juni 2021 den Status als Genesener. Meine Frau erhielt am gleichen Tag wie ich bei ihrer Hausärztin die erste Impfung und 14 Tage später ihre zweite. Sora ist mit 11 Jahren noch ungeimpft und wird ab Montag in der Schule dreimal wöchentlich getestet.

Nun hat das 3. Ausbildungsjahr begonnen und ich musste erneut den Wohnbereich wechseln – bis auf eine Ausnahme mussten dies alle Azubis tun. Zum einen verstehe ich den professionellen Gedanken dahinter, der wahrscheinlich durch die generalistische Ausbildung hierzu führt, denn der erneute Wechsel zum 3. Ausbildungsjahr stellt ein Novum dar. Andererseits habe ich ein wachsendes Unbehagen dabei, dass kein stringenter Ausbildungsplan mit diesem Ausgangspunkt verbunden ist. Im vergangenen Jahr passierte es, dass Praxisanleitungen nicht stattfanden, weil stattdessen mit anderen Auszubildenden Sichtstunden vorbereitet wurden oder sie fanden unangekündigt und im Zeitstress statt – aber eben nicht so, dass auch ich als Auszubildender mich adäquat darauf vorbereiten kann. Verstärkt hat sich dieses Unbehagen durch eine Praxis, welche ich ebenfalls als nicht optimal betrachte: Das betrifft das Stattfinden von Übergaben der Schichten – an denen eben auch jene teilnehmen sollten, die direkt am Bett der Patient:innen bzw. Bewohner:innen arbeiten und so den unmittelbarsten Kontakt pflegen, die Pflegeassistent:innen. Denn für mich sind diese Übergaben mit präzisen Beschreibungen des Allgemeinzustands bzw. dessen Veränderungen, Auffälligkeiten im psychischen und sozialen Verhalten, aktueller Wundversorgung, notwendiger Prophylaxen etc. das A und O individueller Pflege und damit nötiger Kommunikation verbunden und nicht nur lediglich die Angelegenheit von Pflegefachkräften – damit wird mir eher der Eindruck von Herrschaftswissen vermittelt, einer Zweiklassengesellschaft (Fachkräfte und Pflegeassistenten) und wichtige Informationen werden jenen vorenthalten, die direkt basal und unmittelbar am Bett pflegen. Denn die Dienstpläne sehen ja aufgrund des Drei-Schicht-Systems und der 24/7-Besetzung keine kontinuierlichen Schicht-Tableaus vor, sondern auch tagesaktuelle Veränderungen.
Im Krankenhaus erlebte ich die Übergaben schriftlich vorbereitet zu jedem Patienten und für alle Pflegekräfte zur gleichen Zeit kommunikativ nachvollziehbar und am gleichen Ort nicht als „vertane Zeit“ oder „Laberrunden“, sondern als arbeitsorganisatorische Voraussetzung für gute Pflege.

Dieser Pflegeberuf ist sinnstiftend, weil wir Pflegebedürftige unterstützen, mit chronischen Krankheiten zu leben; weil wir Menschen bei ihren alltäglichen Bedürfnissen helfen und wir begleiten alte Menschen an ihrem Lebensabend würdevoll und in bestmöglicher Lebensqualität für sie, damit sie irgendwann menschenwürdig sterben können. Dafür ist in meinen Augen ein sehr komplexes Fachwissen bezüglich Krankheitsbildern, Spezialwissen je nach medizinischem Fachbereich, aber auch Wissen zur Pflegeplanung, zur Biografiearbeit, zur Lebensgestaltung, zu Bedürfnissen (den ATL) usw. eine notwendige Basis.
Das erfordert meines Erachtens eine adäquate Fachausbildung und setzt ein lebenslanges Lernen voraus. Zu letzterem bin ich bereit und habe mir deshalb seit 2019 einiges an Fachliteratur hierzu selbständig angelesen und versuche, mein Unbehagen zu kompensieren.


Deutschstunde
Ein Beispiel aus der Fachschule: Das Fach Deutsch war bis vor wenigen Monaten vakant und uns wurden per Mail von der noch unbekannten Deutschlehrerin verschiedene Aufgaben zugesendet: Grammatikalische Übungen und verschiedene Texte bzw. Aufgaben, wie drei Cartoons mit Pflegesituationen zu beschreiben; eine Abfolge der Tätigkeiten bei der Grundpflege (war konkret eine ambulante Pflegesituation) aufzuschreiben oder ein Gedicht von Kästner zu interpretieren. Eine Kollegin aus der Klasse fasste dies sehr treffend als „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ zusammen. Zwei Youtube-Videos waren auch noch dabei, die interpretiert werden sollten. Im darauffolgenden Schulblock – unter Corona-Bedingungen gab es Wechselunterricht jeweils online bzw. für die andere Gruppe zweimal in Präsenz, wurden dann diese Aufgaben stundenlang ausgewertet. Auch das war leider ABM, denn online daran teilnehmen zu müssen, wo zuvor nicht einmal der Technik-Check erfolgte, war eine Zumutung für das virtuelle Auditorium. Keiner dieser Aufträge war qualitativ damit verbunden, uns mit diesen Übungen auf künftige Aufgaben vorzubereiten. Beispielsweise wäre doch die Biografiearbeit eine sehr sinnvolle Schnittstelle zum Deutschunterricht. Nun wird die Zeit langsam knapp im 3. Ausbildungsjahr, denn Biografiearbeit wurde bisher nur angeschnitten.

Update aus der Praxis: Auf jeden Fall ergänzen muss ich die ersten Praxisanleitungen in der zweiten Woche im dritten Ausbildungsjahr. Setzen der Medikamente und Ausgabe zu den Mahlzeiten, Insulinspritzen in zwei Wohnbereichen und Wundversorgung, dabei gut und umfassend erklärt von der Praxisanleiterin stehen nun als sehr positive Erfahrungswerte am Abschluss dieses Beitrags.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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