working class

Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. Das aktuelle Buch von Julia Friedrichs.

Bei Zeit Online las ich, dass die 1980 geborene Journalistin keinesfalls den heute angestaubt wirkenden und einschränkenden Begriff der Arbeiterklasse wählte, sondern davon schrieb, dass 50 Prozent der deutschen Bevölkerung zur working class gehören. All jenen nämlich, die ohne Kapital, ohne Reichtum, Erbe, ohne Vermögen, ohne Anlagen oder Immobilien nur von dem Lohn ihrer Arbeit leben müssen.

Und so kaufte ich ihr Buch schließlich am #equalpayday. Dieser Tag, der auf die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern aufmerksam machen soll, ist in meinem Verständnis inzwischen viel breiter zu fassen. So wie es die Kolumnistin von der „Süddeutschen“, Teresa Bücker formuliert:

In der Summe mag es den Gender-Pay-Gap minimal reduzieren, wenn Frauen individuell bessere Gehälter aushandeln, aber der große Pay-Gap zwischen den Geschlechtern hängt an diskriminierenden Strukturen, die dazu führen, dass überwiegend Frauen in Teilzeit-Stellen arbeiten und die Löhne in Berufsgruppenwie der Altenpflege oder Kleinkindpädagogik zu niedrig sind. Eine Erzieherin, die in einer Gehaltstabelle eingestuft wird, hat von Verhandlungstipps gar nichts.

Teresa Bücker: Zwischenzeit_en. Newsletter auf steadyhq.com

Aber nun zum Buch von Julia Friedrichs. Das Cover zeigt drei Silhouetten in neonpink auf dunkelblauem Grund, die auf drei Berufsgruppen der working class hinweisen: Einen Kontrabassisten, eine Pflegefachkraft, die eine Spritze aufzieht und eine am Computer sitzende Wissensarbeiterin.

Das Cover des neuesten Buchs von Julia Friedrichs

Der Kontrabass führt als Spur direkt zu einem Paar mit zwei Kindern (8 und 15 Jahre), das von Julia Friedrichs in seinem Alltag begleitet wurde. Alexandra und Richard haben mit ihren beiden Kindern für 200.000 Euro ein Haus gekauft: Ohne Erbe, sondern mit Bausparvertrag, Kredit per Makler und einem monatlichen Fixpreis von 1.300 Euro für Kreditzinsen, Tilgung, Strom, Wasser, Ölheizung. Die Bank gewährte keinen Kredit, weil sie als Musiker Freiberufler sind. Sie müssen beide arbeiten, um als Selbstständige über die Runden zu kommen – Netto kommen so 1.600 Euro pro Verdienst zusammen bei Stundenlöhnen zwischen 21 und 27 Euro Brutto als Honorarkräfte ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Alexandra erzählt, dass an der Musikschule im Jahr 2011 zum letzten Male die Honorare für die MusiklehrerInnen angehoben wurden: von 19,43 Euro auf schlappe 21 Euro. Inflationsmäßig berechnet sind die damaligen 21 Euro heute soviel wie 18,80 Euro wert.
Eine sichere Anstellung wie noch in den 1980ern, so erzählt es Julia Friedrichs Vater, der selber Lehrer ist, bleibt ein ferner Traum für die beiden.

Sait geht es ähnlich als Familienvater mit zwei Kindern: Sait reinigt seit 2002 die Bahnsteige der Berliner U-Bahnhöfe. Angefangen hat er mit 8,30 Euro im Jahr 2002. Seit Herbst 2020 verdient er erstmals 10,56 Euro pro Stunde, aber gleichzeitig wurden seine Stunden auf 35 pro Woche runtergefahren. Unterbietungswettbewerb seiner Firma mit den Berliner Verkehrsbetrieben: Mehr Bahnhöfe schaffen in kürzerer Zeit. Bleiben 1.600 Euro Brutto plus das Lehrgeld seines Sohnes und die 10 Euro Brutto pro 6 Stunden seiner Frau als Näherin. „Heutzutage geht man zu zweit arbeiten, und das Geld reicht nicht. Das tut auf eine Art und Weise weh“, erzählt Sait.

Julia Friedrichs kann anhand dieser genauen und empathischen Schilderungen und guter Recherche den gesellschaftlichen Abwärtstrend seit den 1990er Jahren markieren: Die Löhne sackten seit Mitte der 1990er Jahre für heute fast 8 Millionen Menschen in Deutschland auf Niedriglohnniveau ab. Was sich stark erhöhte waren die Lebenserhaltungskosten, die Mieten und die Kosten für Strom wurden verdoppelt, Sozialabgaben stiegen. Die Fernsehjournalistin geht auf Spurensuche der gesellschaftlichen Umbrüche und bezieht auch ihre eigene Familiengeschichte mit ein. Die aus einer Lehrer-Familie stammende gebürtige Westfälin wuchs in der Nachkriegsmoderne der 1980er Jahre auf, wo noch ein Gehalt für einen guten Wohlstand in Reihenhaus-Idylle ausreichte. Lehrer und Lehrerinnen hatten Festanstellungen, wie ihr Vater berichtet und waren nicht in prekären Nöten wie Alexandra und Richard in den 2020ern. Und natürlich nimmt Julia Friedrich hierbei Bezug auf die durch Ulrich Beck plastisch als Aufstiegsgesellschaft skizzierte Nachkriegsmoderne, das ist eine der zahlreichen Stärken ihres Buches: Die Autorin recherchiert gründlich die zahlreiche Wissenschaftsliteratur zum Thema und stellt sie sprachlich sehr gut lesbar dar. In der Aufstiegsgesellschaft (bzw. nivellierten Wohlstandsgesellschaft, wie Schelsky schrieb) blieben Ungleichheiten bestehen, aber sozialer Aufstieg, Bildungschancen, Einkommen, Freizeit und Konsum stiegen auch für die Arbeiterinnen und Arbeiter.

Ulrich Beck, Richard Sennett und Andreas Reckwitz sind hierbei die wichtigen Säulen, diese gesellschaftlichen Umbrüche analytisch zu untersuchen und einzuordnen. Aber auch Expertinnen und Experten der Finanzwirtschaft wie der Ex-Weltbank-Ökonom Branko Milanovic oder Philippa Sigl-Glöckner, ebenfalls eine bekannte Ex-Weltbank-Ökonomin und nun Büroleiterin von Bundesfinanzminister Olaf Scholz, werden von Julia Friedrichs befragt.

Arbeit verliert und Kapital gewinnt

Sigl-Glöckner erinnert sich an das durch von Hayek und Röpke begründete Framing, nur innerhalb des neoliberalen Paradigmas zu denken. Milanovic verglich die Einkommensdaten der vergangenen 30 Jahre und macht zwei Gruppen als Globalisierungsgewinner aus – die ohnehin Reichen der 1 Prozent Oberschicht, deren Reichtum einen steilen Anstieg nach oben nimmt. Und es gibt eine neue Mittelschicht in Asien, vor allem in China und in Indien. Milanovic skizziert dabei das Bild eines Elefanten: Die 1 Prozent Oberschicht ist der Rüssel, Buckel und Kopf formt die zweite Gruppe der neuen Mittelschicht. Hingegen sind die realen Einkommen der unteren Mittelschicht der reichen Industrieländer seit den späten 1980er Jahren gesunken. Langsam stiegen die Einkommen der ärmsten Schichten in Asien. Friedrichs zitiert aus dem deutschen Bundeswirtschaftsministerium, dass „im Jahr 2015 .. die realen Bruttolöhne der unteren 40 Prozent zum Teil deutlich niedriger als 1995 [waren]“. Mit Einführung der Mindestlöhne versucht man deshalb, diesem Trend entgegen zu wirken, was nur teilweise gelang. Mit dem Wirtschaftswissenschaftler Tim Bönke spricht Friedrichs über die ungleiche Verteilung der Einkommen in Deutschland, wo sich seit 1980 die Volkswirtschaft mit BIP verdoppelte und pro Kopf und preisbereinigt um 53 Prozent gestiegen ist. Bönke macht auf die Unterschiede durch die Globalisierung aufmerksam: Auf Arbeiter erhöhte sich der Druck durch die weltweite Konkurrenz, während es für die Systemgewinner nach oben ging: „Es gibt eine internationale Nachfrage nach sehr gut ausgebildeten westlichen Führungskräften. Dazu gibt es einige Berufsgruppen wie Anwälte, Banker, Versicherungsmakler oder Immobilienverkäufer, die wesentlich höher bezahlt werden, als ihre Produktivität eigentlich zulassen würde. Diese Menschen belohnt das System.“

Heißluftballons

Ungleiche Verteilung der Vermögen ist das Thema von Vermögensforscher Markus Grabka, der annähernd diese Verhältnisse beschreibt mit den 99 Prozent, die durch die reichere Hälfte in Deutschland gehalten werden, von denen wiederum die wohlhabensten 10 Prozent 60 Prozent inne haben. Dieser Reichtum ist nicht erarbeitet, 50 Prozent werden vererbt oder verschenkt.

In der Regel, sagt Markus Grabka, sei der deutsche Vermögende eher alt, westdeutsch und männlich. „Frauen ganz oben gibt es kaum, und wenn, sind sie Witwen oder eingeheiratet.“

Aus: working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. von Julia Friedrichs

95 Prozent der Bevölkerung sei bereits mit einem Vermögen unter 50.000 Euro abbildbar, auf einem Zentimeter kariertem Papier. Der Rest? Treibt in Heißluftballons in der Atmosphäre.

Die goldenen 1980er Jahre

Früher war alles besser, diese Kurzformel ist für die Nachkriegsmoderne auf den Punkt gebracht, wenn es um die Perspektiven für jedermann ging, Wohlstand zu bilden. Sparerfreibeiträge, vermögenswirksame Leistungen, Bauförderungen waren seit Ludwig Erhard die Zauberworte für den Aufschwung. Aus den Mäusen auf dem Sparbuch waren in überschaubarer Zeit Mäusenester geworden mit Tages- und Festgeldern, Bausparverträge, Sparkonten brachten Zins und Zinseszins, fünf Prozent damals. 2018 warnten Banken Anleger davor, dass sich ihre Zinsen in Negativzinsen verwandeln können und sie draufzahlen müssen.

Milanovic, der Ökonom mit dem Elefanten, macht die Zeichen der gesellschaftlichen Umbrüche in den 1980er Jahren fest: Bei Einkommen und Vermögen vergrößert sich die Schere, Akademiker bekommen höhere Gehälter als Arbeiter und Angestellte ohne Studienabschlüsse und die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten werden größer – und natürlich bildet hierfür die Globalisierung mit dem Neoliberalismus seit den ausgehenden 1980ern den Rahmen. Julia Friedrichs blendet an dieser Stelle des Rückblicks populäre westdeutsche Fernsehserien dieses Jahrzehnts ein, wie die „Schwarzwaldklinik“, „Ich heirate eine Familie“, „Diese Drombuschs“ und die „Lindenstraße“ und beschreibt skizzenhaft die wie aus einer fernen Zeit stammenden Inhalte – so kauft Dr. Dressler seiner Geliebten für 50.000 DM in der City Münchens eine Eigentumswohnung, Vater Beimer verdient als Sozialarbeiter mit drei Kindern 3.494 DM und zahlt 780 DM Miete – unterm Strich blieben dem armen Mann nach allen Abzügen der Fixkosten – inklusive der musischen Bildung seiner Brut – schlappe 2.000 DM zum Leben, wie Hansemann erregt vorrechnet. Auch in der bundesdeutschen Wirklichkeit reichte ein Einkommen, zwei Drittel aller Frauen mit zwei Kindern waren Hausfrauen. So eine Kindheit hatte auch Christian, ungefähr die Generation von Julia Friedrichs, „ein Kind der alten Bundesrepublik“, mit dem Vater als Ernährer. Christian erinnert sich, dass er 100 DM aus seinem Taschengeld für den Sony-Walkman Anfang der 1980er Jahre bezahlte – an den musste ich mich auch erinnern, aber ich bezahlte 750 Ostmark für das gleiche Produkt in der DDR. Christian lebte mit seinen Eltern in materieller Sicherheit mit Haus und Garten, zwei Autos und einer Garage mit acht Fahrrädern: „Wir lebten im westdeutschen Wohlstand, der erarbeitet war.“ Hilfe für die Schule brauchte er keine, denn eine Schullaufbahn war nicht an hohe Erwartungen geknüpft. Dass mal ein anständiger Mensch aus ihm wird, war das Bildungsziel.

Ex-Weltbank-Ökonom Paul Collier hatte ähnliche Erinnerungen an seine Kindheit, auch er brauchte keine Hilfe oder Kontrolle. Heute hingegen wird sein Sohn von ihm naturwissenschaftlich beschult, von der Mutter in Latein und extra ist ein Privatlehrer engagiert. Christian lernte Konditor und machte das Abitur auf dem 2. Bildungsweg – er war der erste in seiner Familie, der überhaupt Abitur machte.

Heute gilt: Wenn Abitur zum normativen Wert wird, verlieren alle anderen Abschlüsse.

Die Geschichte von Christian ist exemplarisch für die Abwertung von beruflichen Karrieren. Er bekam in seiner Firma eine Chefin vor die Nase gesetzt, die seine Beförderung rückgängig machte, wodurch seine antrainierten Reflexe: *Wenn man fleißig und arbeitsam ist, dann wird man belohnt* außer Kraft gesetzt wurden. Ein Break, ein Bruch der Erzählung des eigenen Lebens. Dafür schafften andere diese Sprünge. Christians Gesundheit wird schließlich in einem U-Bahnschacht fürs restliche Leben lädiert sein, weil er mit diesen schmerzhaften Brüchen direkt in einen Burnout raste.

Die Goldene Generation

Das Gespräch mit einer erfolgreichen Rundfunkjournalistin aus der Goldenen Generation, die ihre Berufskarriere in den 1970ern begann, ist sehr aufschlussreich und markiert berufsbiografisch sehr genau die gesellschaftlichen Umbrüche.

Seit dem Jahr 2018 erhebt der Berufsverband Freischreiber die Honorare freier Journalistinnen und Journalisten. Im Schnitt lag das Brutto-Stundenhonorar bei 22,73 Euro – vor Abzug von Steuern sowie Urlaubs- und Krankheitstagen. Ähnlich dem, was Alexandra und Richard verdienen. Ein Viertel der Lokaljournalisten erhält weniger als 10 Euro brutto in der Stunde, ein „Taschengeld“, kommentiert der Berufsverband.

Aus: working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. von Julia Friedrichs

Die Freien also mit unter 10 Euro brutto quasi ehrenamtlich und hobbymäßig, nicht wie ein Beruf, der existenzsichernd ist. Hingegen sind die gerade in die Rente entlassenen fest angestellten Redakteure die „Generation 110 Prozent“, wie die Fernsehjournalistin Julia Friedrichs schreibt, „weil sie, ähnlich wie ihre Generationsgenossen bei großen deutschen Unternehmen mit Betriebsrenten so „überversorgt“ sind – wie es selbst die Gewerkschaft nennt -, dass sie im Alter ein höheres monatliches Netto haben als in ihrer aktiven Zeit. Bis Anfang der 1990er Jahre machten die Sender ihren Redakteuren dieses teure Versprechen für die Zukunft, das jetzt, oh Wunder, die Etats einschnürt. Man habe das Ganze ‚auf der Zeitschiene wohl nicht so durchgerechnet‘, sagt mir einer der Verhandler am Telefon.“

Scheint eine Spezialität der Nachkriegsgeneration gewesen zu sein. Rentenkasse? Klima? Staatsverschuldung? Aufstiegschancen? „Wir haben das auf der Zeitschiene wohl nicht so durchgerechnet.“

Aus: working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. von Julia Friedrichs

Plastisch wird diese Generationsschuld am Beispiel des langjährigen NDR-Redakteurs Christoph Lügert: Als Studienabbrecher bekam er am Anfang seiner Karriere alle Chancen eingeräumt: Eine Volontärsstelle und daran nahtlos eine Festanstellung auf Lebenszeit – der Standort konnte nach Ausbildungsende frei gewählt werden und jedes neue berufliche Angebot war immer besser dotiert als der bisherige Vertrag.

„In meiner Generation“, schreibt er, „können sich viele an ihren großzügigen Renten erfreuen“, und das, ergänzt er, ohne sich, wie die Alten zuvor, darauf berufen zu können, Deutschland nach dem Krieg wiederaufgebaut zu haben. „Wir sind auf vielfältige Weise bloße Nutznießer dessen, was unsere Vorfahren geleistet haben.“

Zitiert nach Julia Friedrichs, Aus: working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können.

Die Karriere der Rundfunkjournalistin verlief ebenso geradlinig nach oben und sicher – sie begann 1980 als Julia Friedrichs geboren wurde. Viele Freiheiten beim öffentlich rechtlichen Rundfunk, freie Themenwahl, nach einem Jahr als Freie und Wechsel zu einer Lokalzeitung dann schließlich doch eine Festanstellung auf Lebenszeit, nach Umzug in eine andere Stadt klappte es sofort mit der nächsten Festanstellung. Die Etats waren ohne Limit.

„Um einen sechsminütigen Beitrag über eine neue Ausstellung einer Künstlerin zu machen, fuhren wir mit einem kleinen Bus, in dem sechs Personen saßen: ein Fahrer, ein Kameramann, ein Tonmann, ein Lichtmann, eine Produktionsassistentin, die dafür gesorgt hat, dass alle Markennamen abgeklebt werden, und ich als Redakteurin. Das waren alles Leute, die fest angestellt waren, sicher in Lohn und Brot.“

Zitiert nach Julia Friedrichs, Aus: working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können.

Das Berufseinsteigergehalt für die Redakteurin Viola lag bei 3.300 DM brutto, es gab keinerlei Unsicherheit, dass sich das Leben nicht finanzieren ließe. Ab Mitte der 1990er Jahre fingen die Sender an, einzusparen. Und um die Jahrtausendwende platzte die Medienblase endgültig – das beschrieb schon Katja Kullmann in „Echtleben“, ihrem 2011 erschienenen Buch über die Prekarisierung der Medienbranche. Als Boomer-Generation saß nun die ältere Redakteurin V. auf der anderen Seite des Schreibtisches und musste jüngeren Berufseinsteigern mit guten Qualifikationen und Talenten die Illusion auf Festanstellungen nehmen.

Wer heute in den Job geht, muss wissen, dass es schwierig wird, damit sein Leben zu bestreiten. Es gibt natürlich ein paar, die absolute Spitze sind, von denen jeder weiß: Egal, wo du sie hinschickst, sie kommen mit einem exzellenten Stück zurück. Die können gut davon leben. Aber auch sie haben immer das Gefühl: Wie geht es weiter? Werde ich wirtschaftlich auf Dauer existieren können?`Ich glaube, dass diese Lage bei vielen einhergeht mit einer Desillusionierung, auch mit einer Müdigkeit, weil die Belohnung für die Anstrengung, die feste Stelle, gar nicht kommen konnte.

Redakteurin Viola, Aus: working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. von Julia Friedrichs

Julia Friedrichs wirft eine spannende Frage auf, direkt an Viola aus der Goldenen Generation der Boomer gerichtet: Was sie empfunden habe beim Überbringen solch schlechter Nachrichten für Jüngere, dass diese trotz bester Ausbildung keine Hoffnung auf sichere Arbeit haben werden. Nichts, sagte Viola, denn es sei ja nicht ihre Schuld, mit einem Schulterzucken.

Woher rührt dieses krasse Ungleichgewicht zwischen den Generationen? Julia Friedrichs macht sich auf die weitere Spurensuche und spricht mit Verantwortlichen in Gewerkschaften über diese Verhandlungen der Altersbezüge. Keine Instanz bemerkte die klaffende Finanzierung für künftige Generationen. Dem stimmt einer der Gewerkschafter zu, aber rückgängig machen ließ sich dies im Nachhinein nicht mehr, bezüglich der Rechtmäßigkeit dieser Bezüge.

Friedrichs denkt an einen Solidaritätsfonds der heutigen Boomer für jüngere Generationen. Würde nicht funktionieren, sagt der eine von der Gewerkschaft, Redakteurin Viola wäre mit 100 Euro im Monat ihrer Rente dabei.

Mit Milliarden Steuerzuschüssen wird man die Unwucht im System noch einige Zeit übertünchen können. Aber die Stützmaßnahmen werden immer teurer, und sie lösen das Problem nicht: Die Generation derer, die heute alt sind, hat ein Rentengebäude gezimmert, das für die, die nachkommt, nicht mehr hält. Sie hätten entweder mehr Kinder zur Welt bringen müssen, sich pro Jahr weniger Geld auszahlen dürfen oder, die naheliegende Lösung: länger arbeiten müssen.

Aus: working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. von Julia Friedrichs

Selbst der befragte Kevin Kühnert, zum damaligen Zeitpunkt noch Juso-Vorsitzender, antwortet Julia Friedrichs, dass er als Kind von Beamten dieses System der Altersvorsorge für falsch hält, das überwunden werden muss. Allerdings sind Friedrichs Gespräche mit den Jugendvorsitzenden der Parteien CDU, Grüne, SPD und FDP erschreckend in meinen Augen: Weder mit Visionen der Befragten verbunden, noch mit Vorstellungen, wie die gegenwärtige Misere der steigenden Ungleichheit bewältigt werden kann. Zumindest ist die Einsicht bei ihnen zu finden, dass ihre Elterngeneration eine miserable Hypothek hinterlassen hat. Und, das kommt erschwerend hinzu, heute sind die über 50 Jährigen die größte Wählergruppe mit 60 Prozent und sie bleiben es auch.

Bildung, Klima, Kinder, Rentensystem und Staatskasse sind als Nachlass der Goldenen Generation der Babyboomer defizitär und ein Schuldensystem, für das nachfolgende Generationen schon lange zahlen. „Die schamlose Generation“ nennt Sven Kuntze die Babyboomer, seine Generation.

Und wie sieht die Rentenprognose aus für Christian, Alexandra, Richard und Sait? Christians Rentenbescheid weist 1.500 Euro Brutto aus, Netto ca. 1.200 Euro, bei Richard wies die Rentenversicherung 1.300 Euro Brutto aus, so dass Alexandra davon ausgeht, dass beide weit über das Rentenalter hinaus unterrichten werden. Sait bekäme 739 Euro Brutto, seine Frau höchstens 800 – die vor Jahren als „Riesterrente“ abgeschlossene Zusatzrente erwies sich als Bluff. Er wird wohl mit seiner Frau in die Türkei zurückgehen.

Zurück in die Zukunft

Und dann kommt auch noch Corona. Friedrichs trifft Marcel Fratzscher, den Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und fragt ihn, ob nun die schwebenden Heißluftballons von ihrem Reichtum an die Gesellschaft abgeben werden. In den USA gibt es „The giving pledge“ von Superreichen, die zu ihren Lebzeiten einen Großteil von Vermögen an die Gesellschaft spenden. Einzelne deutsche Fußballer starteten solche Initiativen, wie Marco Reus, Joshua Kimmich und Leon Goretzka. Doch bei den deutschen Superreichen ist Fratzscher kein Aktionismus bekannt. Angesichts eines Staates, der nun Milliarden-Hilfspakete auflegen musste, eine weitere Bankrotterklärung für jene, die seit den 1990ern fett verdienten, im Gegensatz zum Gros der Arbeitenden.

Julia Friedrichs trifft schließlich auch Wolfgang Schmidt, den Staatsekretär von Finanzminister Olaf Scholz, aus dem „Cockpit der Regierung“.

Ich wehre mich dagegen, dass man sagt, die SPD ist schuld, sagt Schmidt. Manche Dinge sind nicht zu ändern. Die verschärfte Globalisierung hat den Lohndruck in den Industriegesellschaften extrem verstärkt. Du hast die gleiche Geschichte über die Clinton-Jahre in den USA, du hast sie in Frankreich, in Schweden, in Großbritannien. Es war ein historischer Zufall, dass die sozialdemokratischen Parteien zu dem Zeitpunkt an den Regierungen waren, als die neue Phase der Globalisierung begann.

Wolfgang Schmidt, Aus: working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. von Julia Friedrichs

An dieser Stelle gibt es den Einspruch der Ökonomin Philippa Sigl-Glöckner, die an die Steuerungsfunktionen des Staates erinnert: „Der Staat kann gute Standards auf dem Arbeitsmarkt setzen, gerade bei den sozialen Dienstleistungen. (…) Wir könnten, fährt sie fort, ein wesentlich stabileres System haben, weil diese höheren Nettolöhne dann auch den Konsum im Land antreiben würden und wir mehr für die heimische Wirtschaft produzieren und weniger exportieren würden.“

Wolfgang Schmidt erinnert nochmal an die beiden unterschiedlichen Herangehensweisen durch Adenauer nach dem 2. Weltkrieg und durch die Kohlregierung nach der (Wieder)Vereinigung: Unter Adenauer wurde nach dem Krieg das Lastenausgleichsgesetz für 30 Jahre verabschiedet und Vermögende mussten 1,5 Prozent ihres Vermögens an die Gesellschaft geben. Die Kosten der (Wieder)Vereinigung wurden aus Steuermitteln und über die Sozialkassen beglichen, also über Arbeit und Konsum. Der Lastenausgleich nach dem 2. Weltkrieg sorgte für die Nivellierung und die Gleichheit zwischen den verschiedenen Schichten. An dieser Stelle schiebt Julia Friedrich – nach ein paar Seiten natürlich – ein Zitat von Reckwitz aus dem „Ende der Illusionen“ nach, der diese Nachkriegsgesellschaft denn auch als das patriarchal geprägte Modell mit dem männlichen Ernährer der Kleinfamilie und der Frau als Hausfrau der nivellierten Gesellschaft markierte und davon spricht, dass dies nicht nur eine romantisierende Erinnerung sei, sondern immer noch Bezugspunkt für links wie rechts ist und als normative Folie und als Bezugsrahmen dient. Die 41 Jährige Julia Friedrichs plädiert nachdrücklich dafür, angesichts der gegenwärtigen heterogenen und diversen Gesellschaft sich von diesem nostalgischen Bild zu trennen und stattdessen den Blick für etwas Neues nach vorn zu richten.

Und nun?

Klar, theoretisch mag der Bruder unseres Wirtschaftssystems, der Sozialismus, faszinierender sein. Aber tatsächlich mit ihm leben? Schwierig. Ich möchte keinem Staat unterworfen sein, der mir vorschreibt, was ich zu tun habe, wovon ich träumen soll, wie viel ich besitzen oder konsumieren darf. Die Idee, dass jede die Freiheit hat, zur Autorin des eigenen Lebens zu werden, ist unübertroffen. Ich mag den Wettstreit und die Belohnungen am Ende. Das Problem ist nicht das Spiel, sondern dass es nach offensichtlich unfairen Regeln gespielt wird. Vielleicht können die, die in den letzten Jahren immer mit zwei Würfeln würfeln durften, einfach mal ein paar Runden aussetzen.

Julia Friedrichs, working class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können.

Im Abgang schwächelt das Buch, man sieht es an diesem Zitat. Dass die fragende Julia Friedrichs keine Patentrezepte entwickeln muss, ist mir klar und dass alle Befragten und bemühten Autorinnen und Autoren dies ebensowenig taten und tun, ebenso, doch am Schluss des Buches besteht Julia Friedrichs Fazit letztlich darin, den Kapitalismus zähmen zu wollen und ihn zurück in die Realwirtschaft zu führen. Ich will dies nun nicht als falsch bewerten, sondern erinnere mich an das im Jahr 2016 von Sahra Wagenknecht veröffentlichte Buch „Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“, das besonders unter Mitgliedern der Linken furchtbar verrissen und sie als Keynesianerin beschimpft wurde, wenngleich ihr Buch für volle Hörsäle und Veranstaltungen sorgte und gute Kritiken erhielt. Die promovierte Wirtschaftsexpertin schlug genau diesen Weg ein: Einen Pfad zu suchen zum Wettbewerb der inhabergeführten Unternehmen, der Startup’s, von Genossenschaften und hin zum Talentwettbewerb und zur Förderung von Innovation für das Gemeinwohl und so eine neue Wirtschaftsordnung zu gestalten.

„The future is unwritten“ sagt hingegen Staatssekretär Wolfgang Schmidt aus dem SPD geführten Finanzministerium im letzten Gespräch und es bleibt am Ende auch so ein bißchen das Narrativ einer sozialdemokratischen Erzählung hängen, die nun gerade im Superwahljahr 2021 am Beginn des Wahlkampfes ihren Abschluss findet. Unbeschadet davon gelingt Julia Friedrichs durch die lange Begleitung ihrer porträtierten Gesprächspartnerinnen und -partner ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, in welchem sie hochaktuell auch die lange Phase der Corona-Pandemie in Deutschland authentisch beschreibt: Gut getrennt sind hierbei die Perspektiven der Protagonisten und Protagonistinnen und ihr eigener Point of view, das ist sehr angenehm zu lesen und vermag dadurch auch, Haltungen zu beschreiben. Julia Friedrich verleugnet ganz und gar nicht, als Fernsehjournalistin auch politisch zu denken, sich von Haltungen zu distanzieren oder andere zu bekräftigen.

Ich möchte dieses Buch ausdrücklich empfehlen, denn es bietet für Menschen verschiedener Generationen den Effekt des Wiedererkennens: Auch der eigenen Familiengeschichte, der 1980er Jahre West wie für Julia Friedrichs oder jene der 1970er Jahre wie für mich – wenngleich ich es sehr schade finde, dass Julia Friedrich niemanden mit Ost-Biografie porträtierte. Dieses Buch ist ein wichtiger Ansatzpunkt für Diskussionen und Diskurse darüber, wie wir unsere Zukunft gestalten werden: Inbegriffen ist hierbei die kritische Reflexion derer in den Parlamenten, die für unsere Zukunft die Rahmenbedingungen setzen. Julia Friedrichs zeigte sehr anschaulich, dass anscheinend Kontrollinstanzen und Kontrollfunktionen versagt haben bezüglich der Gestaltung dieser Zukunftsmöglichkeiten.

Postscriptum

Okay Boomer: Die Klimabilanz ist erschreckend, Renten wird es keine geben und Eure Generation werden wir im kaputt gesparten Gesundheitssektor pflegen müssen, wenngleich Ihr Euch wahrscheinlich durch fette Privatvorsorge abgesichert habt, genauso wie Ihr Eure Empor- und Nachkömmlinge in den Parteien mit dem richtigen Briefing ausstattet, später nicht wie dieser bedauernswerte Großteil der Bevölkerung Zukunft als vage und fragil zu erleben.

Warum ich mich an die 1970er Jahre in der DDR erinnerte? Deshalb wählte ich den vermeintlichen blue collar worker im Titelbild: Nun ja, das war eher keiner, denn es war Big Jim, die Mattel-Spielfigur für Jungs, die mir meine Mutter 1978 von einer Schiffsreise aus der weiten Welt mitbrachte. Meiner trug einen blauen Overall, schwarze Stiefel und ein Schulterhalfter mit silberner Mauser (Pistole). Einen Integralhelm schnitt ich ihm aus einem gelben Ü-Ei und als Agent durfte er den ferngesteuerten Sportwagen fahren, den ich zum Cabrio umbastelte. Dieser sentimentale Rückgriff auf die Nachkriegsmoderne Ost sei mir gestattet. Zu dieser Zeit förderte man mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann den andauernden Exodus vieler Künstlerinnen und Künstler aus der DDR. Dennoch oder besser: Trotz alledem entstand eine Oppositionsbewegung, die ein Dach in den Kirchen erhielt und schließlich den Anfang vom Ende der autoritären DDR einläutete.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

Ein Kommentar zu “working class

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

KLITZEKLEIN

Ein klitzeklein(es) Blog

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: