Schwester, es ist Krieg!

Über „Die bleierne Zeit“ (1981, Regie: Margarethe von Trotta)

Geschrieben habe ich diesen Beitrag am 7. August 2020: Mein Ausgangspunkt damals war, die zehn wichtigsten Kinofilme aufzuschreiben, die mich geprägt haben. Für mich gehört „Die bleierne Zeit“ von Margarethe von Trotta zu diesen Filmen, den ich mit 15 Jahren durch unseren Schulfilmklub sah. Das war im Jahr 1982, im gleichen Jahr, als Romy Schneider starb. Deren Tod – am Tag der Jugendweihe meiner Cousine – hat mich ebenso sehr beschäftigt, denn gerade die hochklassigen französischen Filme der 1970er liefen oft im DDR-Fernsehen und in meinem großzügigen und liberalen Elternhaus hatte ich schon sehr frühzeitig Zugang zu guter Literatur und zu Fernsehfilmen. Doch hier erst einmal zurück zum Text über „Die bleierne Zeit“.

Mit „Die bleierne Zeit“ von Filmemacherin Margarethe von Trotta tue ich mich seit ein paar Tagen schwer. Ich freute mich am Wochenende, nun doch noch das 1988 im DDR Henschel Verlag erschienene Buch „Die bleierne Zeit und andere Filmtexte“ im Bücherregal gefunden zu haben, das – so meine Mutmaßung – damals parallel zu ihrem Film „Rosa Luxemburg“ in der DDR verlegt wurde.
Damals kam Margarethe von Trotta zur Kinopremiere auch nach Dresden, wo man – aus Schiss vor dem, was im Lande rumorte – die Premiere vom Großen Saal des Rundkinos (damals das größte Kino Dresdens mit 1.017 Sitzplätzen) in die Studiobühne des Rundkinos (Kapazität 156 Sitzplätze) verlegte. Das war im Frühjahr/Frühsommer 1988, also wenige Monate nach der Berliner Demonstration zur Rosa Luxemburg/Karl Liebknecht-Ehrung, dem Protest und den anschließenden Verhaftungen wegen der „Freiheit der Andersdenkenden“.
Mit 15 Jahren hatte ich „Die bleierne Zeit“ durch unseren Schulfilmklub in der Studiobühne des Rundkinos im Jahr 1982 sehen können und war lange elektrisiert durch die Intensität der manchmal rausgebrüllten persönlichen Wahrheiten der Ensslin-Schwestern, hier im Film einprägsam verkörpert durch Barbara Sukowa und Jutta Lampe.


„Schwester, es ist Krieg!“, schießt es mir heute noch ins Hirn, wenn ich heute Verbalradikalismus höre bzw. mit meinen Worten geschrieben, mich einer Totalisierung der Sprache ausgesetzt sehe.
Die RAF-Terroristin Marianne brüllt das ihrer Schwester Juliane, der Frauenrechtlerin entgegen, als sie in der Nacht mit Kumpels in Julianes Wohnung auftaucht und Kaffee kocht, direkt aus einem Trainingscamp der Palästinenser kommend. „Dass Du es immer noch hier aushältst“, sagt Marianne zu ihrer Schwester und gleich darauf: „Ich deck erst mal den Kaffeetisch.“
Margarethe von Trotta erzählt in „Die bleierne Zeit“ vier Jahre nach dem Tod von Gudrun Ensslin im Hochsicherheitstrakt von Stammheim die Geschichte der beiden Ensslin-Schwestern Christiane und Gudrun – nach der Beerdigung von Gudrun Ensslin hatte Christiane der Filmemacherin mehrere Tage die intensive und ambivalente Schwestern-Beziehung nahegebracht.


Die Schwestern wuchsen, 1946 und 1947 in einem Pfarrhaushalt geboren, in der „bleiernen Zeit“ der Nachkriegszeit der 1950er auf: „Ich habe mich da auch selbst beschrieben, meine Empfindung, in den Fünfzigern wie unter einem bleiernen Himmel gelebt zu haben, unter einer Bleikappe des Schweigens. Man spürte, da war etwas in der Vergangenheit, im Krieg, aber wir wurden darüber nicht aufgeklärt. Aus diesem Unwissen wollten wir ausbrechen. Das war ja auch ein Auslöser für die erste RAF-Generation, zu den Mitteln der Gewalt zu greifen“, erzählte Margarethe von Trotta im Interview: „Vieles, was wir damals gedacht haben, kann ich heute kaum noch nachvollziehen. Wir waren in manchem verblendet, was auch daran liegt, dass es nach 1945 in den Schulen keinerlei Anleitung zum politischen und demokratischen Denken gab. Deshalb war 1968 ein Schock, der uns Rebellion mit politischem Handeln gleichsetzen ließ. Die Geschichte der RAF ist ja eine tragische Geschichte: Vor allem die erste Terroristen-Generation hat nicht nur gemordet, sondern sich selbst ausgeschaltet und von der Welt isoliert, sei es, dass sich die Häftlinge in Stammheim in den Tod führten, sei es, dass sie Jahrzehnte im Gefängnis verbrachten. Sie haben das Leben der anderen zerstört und das eigene vergeudet, aus einer falsch verstandenen Rebellion heraus.“
Während die jüngere Marianne verträumt und sensibel Cello spielt und Rilke rezitiert, ist ihre Schwester Juliane ein rebellischer Teenager, die sich früh gegen den patriarchalen Vater auflehnt und später Redakteurin einer feministischen Zeitschrift wird.

Eine Generation früher
Marianne schließt sich der RAF an und geht in die Illegalität. Ihr Sohn Jan wird von seinem Vater Werner schließlich bei Juliane abgegeben – Werner begeht später Suizid. Nach der Inhaftierung von Marianne ist ihre Schwester Juliane ihr einziger Bezugspunkt – doch auch bei den Besuchen im Knast kollidieren ihre unterschiedlichen Sichtweisen. Juliane wurde von ihrer Redaktion gebeten, über ihre Schwester zu schreiben. Diese wirft ihr wiederum vor, wie die Springer-Presse ihre Geschichte für das Schweine-System zu vermarkten, indem sie die politischen Aktivitäten aus der persönlichen Geschichte heraus erklärt. Darauf Juliane: „Eine Generation früher und du wärst BDM geworden.“ Marianne erteilt ihr eine schallende Ohrfeige (zur Genugtuung der Wächterinnen im Hintergrund, die breit grinsen).

Was bleibt
Margarethe von Trotta: „Mir ging es um die Kontinuität der deutschen Geschichte in der Abfolge der Generationen. Erst lassen sich Menschen vom Nationalsozialismus verführen. Deren Kinder werfen das ihren Eltern vor, lassen sich aber gleich wieder von einer Ideologie verführen, bis hin zum Mord. Ich wollte nicht verurteilen, ich wollte verstehen, wie es dazu kam.
Die Öffentlichkeit verhielt sich damals anders, die Fronten waren verhärtet.
Die Hysterie war auch auf der Seite des Polizeiapparats so groß, dass wir dachten, es gibt bald einen neuen Polizeistaat. Auf beiden Seiten extreme Reaktionen.
Die Nazizeit lag 1968 noch nicht so lange zurück, es gab Richter und Politiker mit NS-Vergangenheit, die sich in Nachkriegsdeutschland integriert hatten. Wir haben damals noch nicht wirklich geglaubt, dass Deutschland zu einer Demokratie fähig sei. Es gibt noch eine weitere Linie, die sich bis heute durchzieht: Peter-Jürgen Boock sagt im „Spiegel“, auch was das jahrzehntelange Schweigen der RAF betrifft, seien die RAF-Leute die Kinder ihrer Eltern gewesen. Am Grab von Gudrun Ensslin und Andreas Baader habe er deshalb vor kurzem eine große Wut auf sie bekommen. „Die Verführbarkeit der Deutschen, die immer wieder darin resultiert, dass sie radikal und mörderisch handeln, entspricht auch immer wieder der ebenso radikalen Verdrängung unserer Geschichte. Das war nach den Siebzigern ähnlich wie in den Fünfzigern.“

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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