Nachtschicht und Biorhythmus

Zwölf Nachtschichten muss man als Auszubildender absolvieren: Die ersten 5 Nächte brachte ich in der zweiten Maiwoche hinter mich.

In der ersten Nacht erfolgte das sogenannte „Einnachten“ durch einen versierten Pfleger, wo zunächst einmal alle Abläufe gemeinsam bewältigt werden. Wer glaubt, in der Nacht säßen die Pflegekräfte nur rum und trinken Kaffee, spielen Games oder rauchen, der hat ein völlig falsches Bild. Ein straffer Zeitplan von regelmäßigen Kontrollgängen und Pflichtaufgaben des Nachtdienstes wie das Desinfizieren von Oberflächen, Pflegehilfsmitteln, den Bädern, den Einrichtungsgegenständen und das Abtauen von Kühlschränken gehören zur Arbeitsstruktur ebenso dazu wie das Wachen über zwei Wohnbereiche. Gemeinsam mit mindestens einer Pflegefachkraft und Pflegeassistent:innen ist man in einer Nacht für die Fürsorge aller Wohnbereiche zuständig. Die Kontrollgänge werden deshalb gemeinsam abgesprochen und im Teamwork durchgeführt. Bei sturzgefährdeten Bewohner:innen, bei den Nachtaktiven, Menschen mit akuten Erkrankungen und Neuzugängen wird öfters vorbeigeschaut, ob alles in Ordnung ist und natürlich wird die Klingel auch in der Nacht rege genutzt, um Hilfeleistungen zu bekommen. Es ist eine enorme Verantwortung. Last but not least folgt schließlich ab halb 5 in der Früh die Vorbereitung auf den Frühdienst, um den Kolleg:innen einiges an Arbeit zu erleichtern.

Muntermacher

Wichtig bei der persönlichen Vorbereitung ist ausreichender Schlaf vor und nach einer Nachtschicht, die dem Biorhythmus stark zuwiderläuft. Und auch dem Familienleben, denn bis zum frühen Nachmittag sollte man mindestens schlafen und möglichst noch einmal knapp eine Stunde vor der Schicht chillen bzw. ruhen. Glücklicherweise haben wir zu Hause Rollläden, wodurch es tatsächlich am hellichten Tag zappenduster wurde – von Nachteil waren lediglich die Fassaden-Arbeiten am Haus mit dem großen Bohrhammer, die zurzeit stattfinden. Um die sehr lange Zeitspanne von abends 20:30 Uhr bis früh 6:30 Uhr gesundheitlich gut zu meistern, halte ich kleine Mahlzeiten für wichtig, d.h. nicht zu üppig zu essen, sondern möglichst leicht und nahrhaft. Obst war jede Nacht Teil des Proviants sowie proteinhaltiger Joghurt und zumeist eine kleine Portion eines Nudelgerichts oder eine Lasagne sowie Frühlingsrollen. Da wir zu Hause ausschließlich vietnamesisch essen, hatte ich mir an einem Abend einen selbergemachten Grießbrei zubereitet: ohne Zucker und auch ohne Zimt schmeckte dieser mit Weintrauben sehr erfrischend nach dem Kontrollgang nach 4 Uhr.

Was ich für mich selbst als ultimativen Muntermacher als Nachtschichti entdeckte ist: Schwarzer Tee. Es war eher ein Zufall, denn eine vorausschauend arbeitende Kollegin der Spätschicht hatte bereits für die Frühschicht die Personalkaffeekanne fix und fertig vorbereitet, so dass ich schließlich Tee kochte. Der ist nicht nur bekömmlicher für Magen und Herz, sondern macht frischer durch das Teein. Die Gerbstoffe (Tannine) senken den Blutdruck und den Cholesterinspiegel, sie wirken antibakteriell und der Magen-Darm-Trakt wird beruhigt, außerdem enthält schwarzer Tee wichtige Vitamine und Spurenelemente wie Vitamin B, Mangan und Kalium.

Schlaflos in Dresden

Meinem tollen Kollegen, der mich eingenachtet hatte, musste ich natürlich meine Story erzählen, wie lange ich es Tag und Nacht ohne Schlaf ausgehalten habe, leider schaffte ich es mit meinem 3 Tage-3 Nächte-Ohne Schlaf-Rekord mit damals 34 Jahren nicht ins Guinness-World-Records-Buch. Ich studierte, hatte mehrere Nebenjobs, einen Nachbarn ohne Fernseher und besaß selber einen Fernseher und hatte Freunde, die gerne einfach klingelten und vorbeikamen. Das klappte tatsächlich länger als 72 Stunden mit sehr anspruchsvollen Nebentätigkeiten wie Filmvorführungen und Kassentätigkeit im Supermarkt. Der Schlaf danach war komatös. Heute, 20 Jahre später, mache ich solche Experimente natürlich nicht mehr und so bin ich auch am Tag nach der letzten Nachtschicht wieder gut in meinen normalen Biorhythmus gekommen. Ich fuhr noch am Morgen unsere Tochter zur Schule und legte mich auch tagsüber nicht hin, sondern ging wie gewohnt abends zu unserer Schlafenszeit zu Bett und war am nächsten Morgen ausgeruht.

Veröffentlicht von maxkretzschmar2013

Proud to care ist meine Einstellung. Ich habe gemeinsam mit meiner Frau meine Mama häuslich gepflegt und befinde mich in der dreijährigen examinierten Fachausbildung zur Pflegefachkraft. Um ein guter Fachmann zu werden, bilde ich mich auch in meiner Freizeit autodidaktisch fort, so wie ich das methodisch in meinem Universitätsstudium erlernte. Ich bin Magister artium der Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Neuere/ Neueste Geschichte. Zuvor arbeitete ich einige Jahre in der Öffentlichkeitsarbeit und erlernte den Beruf des Feinoptikers im VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.

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